​Lieber Leser,

nicht eigentlich einen Roman sondern ein Stück Autobiographie veröffentlichte Kjersti Annesdatter Skomsvold mit Barnet, das heißt: Das Kind. Der deutsche Titel Meine Gedanken stehen unter einem Baum und sehen in die Krone fängt die Stimmung vieler Stellen gut ein.

Die Autorin erzählt ihrer neugeborenen Tochter von der Entbindung, vom älteren Bruder, von der Beziehung zum Vater, von einem verstorbenen Freund. Mutterschaft scheint für sie vor allem Angst zu bedeuten. In einigen Passagen erkenne ich mich wieder, in anderen möchte ich Frau Skomsvold bei den Schultern fassen wie ein Kind und ihr sagen, dass sie endlich erwachsen werden muss. Aber darum scheint es zu gehen: Durch die Mutterschaft wird die Autorin erst groß. Trotz einiger Zeitsprünge sehen wir eine Frau sich entwickeln. Das Kind im Titel ist nicht die Neugeborene, sondern die Autorin, als sie zu schreiben beginnt.

Hochachtungsvoll
Christina Widmann de Fran

Meine Gedanken stehen unter einem Baum und sehen in die Krone: Roman von Kjersti Annesdatter Skomsvold

Original: Barnet, erschienen 2018 in Oslo.

Deutsche Übersetzung durch Ursel Allenstein, erschienen im September 2019 bei Hoffmann und Campe.
Ich danke für ein Rezensionsexemplar.

ISBN: 978-3-455-00610-0

Erhältlich auf Amazon.de.

Likes

Kommentare

Zehn Erzählungen

Lieber Leser,

eher Vignetten als Geschichten schrieb Fabrizia Ramondino: In lebendigen Bildern beschwört sie die Balearen der dreißiger Jahre herauf, das Italien der kleinen Leute, ein französisches Exil. Ihre Hauptfiguren sind Kinder, verschrobene Gelehrte, für verrückt gehaltene Ehefrauen. Mit ihnen schauen wir dem Leben in den Häusern zu: was man kauft, was man sich schenkt. Ganz am Ende der Erzählung geschieht dann etwas, ändert sich etwas, ins Stilleben kommt eine Handlung. So fühlen sich einzelne Texte an wie drei Stunden Overtüre für eine halbstündige Oper. Trotzdem lädt Fabrizia Ramondinos Ton zum Weiterlesen ein. Sie hat mehrere Romane geschrieben. Ich setze sie auf die Merkliste.

Hochachtungsvoll
Christina Widmann de Fran

Die Vögel des Narcís: Zehn Erzählungen von Fabrizia Ramondino

Original: Storie di Patio, erschienen 1983 in Turin

Deutsche Übersetzung: Maja Pflug für den Arche Verlag.

ISBN: 3716020575

Erhältlich auf Amazon.de.

Likes

Kommentare

Roman

Lieber Autor,

Lee Won-Hong und Herr Kachelbad betreiben in den USA eines der beiden ersten Institute für Kryonik: Sie frieren Verstorbene ein in der Hoffnung, dass man sie einst wird auftauen und wiederbeleben können. Mit der ehemaligen Sanitäterin Rosary erkunden wir das Unternehmen. Mehr passiert noch nicht. Sie betrachten viel, Herr Otremba, lassen Ihre Erzähler-Figur Gedanken an Gedanken reihen in langen Sätzen, die dennoch abgehackt klingen, weil Sie oft das Verb auslassen. Manch einer dieser Sätze wiederholt und vertieft nur den vorherigen.

Rosary erzählt ihre Geschichte als Rückblick. Dazwischen erleben wir kleine Stückchen ihrer Gegenwart, zum Beispiel, wie sie Kartoffeln mit Gemüse kocht. Zutat für Zutat müssen wir das Rezept mitlesen. Dazwischen denkt Rosary weiter. Sie träumt auch viel, diese Hauptfigur.

Ich wünschte, Sie hätten all die Gedanken eingebunden in eine Handlung, Herr Otremba. Ich wünschte, Sie brächten mich zum Nachdenken, anstatt mir alles fertig vorzuschreiben. Ich wünschte, Sie erzählten mir eine Geschichte, anstatt nur über Tod und Unsichtbarkeit zu philosophieren. Ich wünschte, Sie gäben mir einen Grund, weiterzulesen.

"Nur noch ein paar Seiten, dann habe ich alles aufgeschrieben", verspricht die Hauptfigur. Ich beschließe, noch bei ihr zu bleiben: Was kommt nach ihrer Zeit als Leichenkühlerin? Nichts mehr, wie sich herausstellt. Wir sollen Rosary nur noch in ein, zwei Nebensätzen begegnen. Sie ist gar nicht die Hauptfigur, obwohl es ein Viertel des Buches lang so aussieht.

Lee Won-Hong, der Inhaber des Kryonik-Unternehmens, neigt zu pathetischen Monologen, schreibt Rosary über ihn. Ich dagegen kann Won-Hongs langatmige Reden nicht unterscheiden von Rosarys eigenen. Die angekündigten paar Seiten ziehen sich. Endlich endet der erste Teil.

Sie beginnen die Geschichte eines der Eingefrorenen. Er hat zwei Geschwister, schreiben Sie, "deren tragische Wege hier nachzuzeichnen wohl den Rahmen der kurzen Lebensskizze sprengen würde." Ich muss lachen. Sie ist tatsächlich kurz, diese Lebensbeschreibung - für Ihre Verhältnisse. Aber hin und wieder verfallen Sie in Bandwurmsätze oder wiederholen einen Satz im nächsten. Ausrufezeichen schleichen sich ein. Die nächsten Lebensgeschichten überblättere ich: Kommt da noch etwas?

Es kommt ein neuer Abschnitt. Diesmal verfolgen wir Kachelbad, die eigentliche Hauptfigur, nicht mehr durch die Augen von Rosary sondern durch die eines namenlosen Erzählers. Wieder bringen Sie langatmige Gedanken und Vergleiche, gelegentlich unterbrochen von einer schlaffen Handlung. Der Tiefkühlfirma geht das Geld aus. Werden die Toten auftauen und verwesen? Zum ersten Mal haben Ihre Figuren eine Aufgabe zu lösen, in der Mitte des Buches. Ein bisschen spannend wird es jetzt. Kachelbad gewinnt einen Feind. Aber der Kampf ist bald vorbei. Kachelbad träumt viele Seiten lang. Sie lösen sein Geldproblem mit Science Fiction. In einem Buch, das bisher in den echten 1980er Jahren spielte, liest sich das wie geschummelt. Genauso geschummelt wie die Katastrophe, die folgt, damit noch etwas passiert, und das Ende.

Kachelbads Erbe hat einen vierten Abschnitt: Tagebucheinträge eines schwulen Prostituierten, zuerst lückenhaft und zusammenhangslos, eine Reihe von Namen. Dann lernt er Kachelbad kennen. Wir erfahren, wie der alte Mann zur Kryonik kam. Eine Liebesgeschichte, ein Aidstoter.

Ein fünfter Abschnitt, dieser experimentell: Ein Schreiber und seine Leserin wechseln sich mit ihren Gedanken ab zwischen den Zeilen eines Gedichts.

Epilog: Kachelbad wohnt in seinem Transporter. Was aus ihm geworden ist, schreiben Sie, wissen Sie selber nicht.

Sie hätten zuerst einen Essay über Kryonik schreiben sollen, Herr Otremba, und einen zweiten über die Unsichtbarkeit. Dann wären die Gedanken aus dem Weg gewesen und Sie hätten einen Roman schreiben können statt dieser vierhundertseitigen philosophischen Abhandlung. Vielleicht hätten Sie gemerkt, dass Rosary in diesem Buch nichts zu suchen hat. Was Kryonik ist, hätten Sie in einem einzigen Absatz erklären können. Die ganze Geschichte passiert im dritten Abschnitt: Kachelbad kämpft um das Überdauern der gefrorenen Leichen. Hier treffen Menschen und Pläne aufeinander. Hier gibt es ein Problem zu lösen. Der Rest des Buches ist Füllmaterial.

Hochachtungsvoll
Christina Widmann de Fran

Kachelbads Erbe: Roman von Hendrik Otremba

erschienen: 2019 bei Hoffmann und Campe, Hamburg.
Ich danke für ein Rezensionsexemplar.

ISBN: 978-3-455-00618-6

Erhältlich auf Amazon.de.

Likes

Kommentare