Budberg wird wohl nie eine Weltstadt werden, aber die Angst der reichen Leute vor den Negativzinsen veranlasst das Kapital gerne zur Flucht in Baugrundstücke, und von denen gibt es in Budberg halt noch einige.
So wird nun fleißig erschlossen, und es wird gebaut, was das Zeug hält.

Dabei geht es zunächst gar nicht so sehr um das Wohnen, sondern eher darum, seine Werte nicht
als Geld verwahren zu müssen (Betongold). Und ehe man es sich versieht, wird selbst die ödeste Lehmkuhle noch zur Boomtown deklariert.

Das lässt nun die Angst weiter wandern, denn die Anwohner fragen sich, wie die Stadt
die Abwassersituation, die seit April 2014 als prekär gelten muss, in den Griff kriegen will,
wenn in Zukunft immer mehr Anwohner an den Kanal angeschlossen werden müssen.

Die Verwaltung der Stadt hatte für den gestrigen Abend jedenfalls angekündigt, alle Fragen der Bürger über die Abwasserkanäle und die neuen Bauvorhaben in Budberg zu beantworten.
Für die fachlichen Darstellungen war neben den städtischen Vertretern auch ein Graf von einem Ingenieurbüro vorgesehen, der im Jahr 2014 die Kanalnetzberechnungen für den Ortsteil Budberg unter Einbeziehung des neuen Baugebietes im Auftrag der Stadt durchgeführt hatte.

Nun war der Graf gar nicht rechtzeitig erschienen, so dass ein Verteter von der Statdt die Powerpoint
Präsentation des Ingenieurs vorstellte. Diese war zwar, wie sich später herausstellte, eigentlich für Gelsenkirchen konzipiert worden, aber an einigen Stellen hatte man die Zahlen ausgetauscht, um sie den Rheinberger Verhältnissen anzupassen. Der Tenor des Vortrags lautete: die Statdt ist ihren Pflichten voll und ganz nachgekommen. Die statistischen Mittelwerte für fünfjährige Regenereignisse können durch die Kanalisation problemfrei abgeleitet werden. Für stärkere Regenfälle kann die Stadt nicht verantwortlich gemacht werden. Hier muss der Bürger selbst Vorsorge treffen.

Eigentlich keine wirklich guten Nachrichten für die Bürger. Doch blieb der Tonfall den ganzen Abend über erstaunlich freundlich. Offensichtlich ist es den Verwaltungsvertetern gelungen mit ihrem Auftreten soviel Sympathie und Vertrauen zu erwecken, dass vorübergehend keine scharfen Worte mehr ausgetauscht werden mussten. Schließlich wurde sogar die Möglichkeit individueller Hausbesuche in Aussicht gestellt, bei denen maßgeschneiderte bauliche Schutzvorkehrungen erörtert werden sollen. - Der Typus des Wutbürgers wird wohl erst wieder mit der nächsten Kanalüberschwemmung auf den Plan treten.

Aber wie plausibel waren die Auskünfte der Stadt wirklich? - Das neue Baugebiet an der Rheinberger und Rheinkamper Straße soll nach Bebauungsplan Nr. 12 in Zukunft ca. 140 (einhundertundvierzig) Häuser beherbergen; rechnet man für jedes davon vorsichtig vier Bewohner, dann darf man sich auf 560 neue Budberger Bürger freuen. The more, the merrier, denkt da natürlich der Demokrat in uns, und tatsächlich kann es hier ja nicht darum gehen, irgendjemandem die Freude an einem eigenen Haus zu verderben. Hält man sich aber einmal vor Augen, wie sich die Statdtverwaltung die zukünftige Entwässerungssituation vorstellt, dann scheinen Probleme bereits jetzt vorprogrammiert. Denn obwohl die Stadt nach eigenen Angaben eine Mischwasser-Entsorgung betreibt (d.h. Wasser aus dem Haushalt und Regenwasser nicht kanalisatorisch getrennt abgeführt werden) und obwohl die Stadt die Gebühren für den Anschluss der Entsorgung von Regenwasser erhebt, sollen die neuen Häuser ihr Regenwasser nicht dem Kanal zuführen dürfen, sondern auf der eigenen Grundstücksfläche schadfrei versickern lassen. Wie soll das gehen? Für Gartenflächen wird den zukünftigen Hausbesitzern augenscheinlich ja nur wenig Raum bleiben. Letztlich dürfte das Oberflächenwasser der neuen Grundstücke dann aber auf der Straße landen. Von dort wird es in den Kanal gelangen und die Entwässerung doch wieder belasten.
Macht aber nichts, versichert die Statdt, denn zum einen dürfen Hausbesitzer gar kein Wasser auf die Straße leiten und zum anderen seien die Pumpen jetzt ja alle wieder voll funktionsfähig. Anstelle der eingeschränkten Leistung aus 2014 von 400 Litern seien es nun wieder volle 1600 Liter die in der Hebeanlage nach Rheinberg befördert werden können und von dort zum Klärwerk.

Wirklich Überzeugen konnte die Stadt gestern Abend aber nicht. So wurde deutlich, dass die für die Jahre 2018 bis 2020 geplanten Kanalerweiterungen Dresdener Str./Fliederstr. und Von-Büllingen-Str./Ginsterstr. sich voraussichtlich auf die Anlage von Retentionsbecken beschränken werden; dass ein gebührenzahlender Bürger auch ein berechtigtes Interesse daran haben könnte, dass seine Abwässer tatsächlich auch abfließen, scheint den Verwaltern nicht einzuleuchten. Außerdem dürfte die Vergrößerung des Durchmessers der Kanalrohre eher zu einer Verlangsamung der Fließgeschwindigkeit führen, da der statische Druck im Vergleich zu den schmaleren Rohrstücken zunimmt, d. h. dass weniger kinetische Energiequanten für die Bewegung des Wassers (dynamischer Druck) zur Verfügung stehen werden. Dann aber steht das Wasser und fließt eben nicht mehr ab. Solange nicht die physikalischen Gründe für die auffällig unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten zwischen den Bau- und Straßenzügen eindeutig identifiziert worden sind, sollte man vorsichtig sein, welchem Ingenieurbüro man seine 1,3 Mio Euro zukommen lässt. Die im städtischen Vortrag einige male oberflächlich erwähnten Simulationen von Wasserereignissen blieben gestern jedefalls undurchsichtig und in der Art ihrer Darstellung für den Bürger weder nachvollziehbar noch überprüfbar. - Die Abwasserfrage in den Händen der Stadtverwaltung bleibt für den Budberger Bürger ein Vabanquespiel.

Die Statdt empfiehlt den neuen Bauherren ausdrücklich, die Schwellen ihrer Häuser möglichst hoch zu legen. Warum sie nicht auch gleich noch empfiehlt, die neuen Bürger mögen doch bitte Plumpsklos benutzen, und nur noch die Gebühren abliefern ohne jede Gegenleistung, das ist noch die Frage.

Eine Verwaltung, die den Bürger ernst nimmt, sieht anders aus.
z.b. routinemäßig jährliche Überprüfung aller Kanäle mit Kanal TV, genaue und nachvollziehbare Dokumentation sowie uneingeschränkte Veröffentlichung aller Ergebnisse für alle (INTERNET) etc.

Ich sehe Budberg nicht als neues Venedig, noch weniger als Atlantis Nachfolger - die melodramatischen Vergleiche liegen mir fern. Aber die globale Verschärfung der Klimasituation verlangt auch in der Verwaltung der Stadt Rheinberg nach ernsthaften Neuorientierungen, neuen Konzepten und neuen Ideen. Die Zusammenarbeit professioneller Politiker mit wissenschaftlich orientierten Geophysikern wird dafür unerlässlich sein. Und davon sind wir noch sehr weit entfernt.

Erfreulich fand ich gestern Abend nur, dass die Anwohner dadurch einmal die Gelegenheit hatten,
sich über ihre gemeinschaftlichen Bürgerinteressen auszutauschen in einer Umgebung, die, anders als sonst, nicht vorgeprägt war von Vereinsmeierei und nachbarschaftlichen Kumpaneien. Wenn die Bürger ihre gemeinschaftlichen Interessen gemeinschaftlich vertreten, dann kann auch die stärkste Verwaltung nicht mehr dagegen intrigieren.

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