Die meisten von uns kennen Alkoholsucht, Drogensucht, vielleicht auch diverse Essstörungen, wie Mager- oder Esssucht und einige von uns sind bestimmt schon auf irgendeine Art und Weise damit in Berührung gekommen. Vielleicht erzählt ein Freund von einem Bekannten, dessen Bruder Bekannter Alkoholiker sei und man kann sich gut vorstellen was das zu bedeuten hat. Ein Mann/Frau der schon zum Frühstück seinen ersten Whiskey runterkippt, spätestens nach zwei Stunden ohne Alkohol das erste Zittern verspürt und ganz bestimmt nicht mehr fähig ist seinen Alltag zu regeln - so oder so ähnlich ist wohl von den meisten das Bild eines Süchtigen.


Doch kommen wir nun zu einer Sucht, deren Bewusstsein mir persönlich aus eigener Erfahrung als sehr wichtig erscheint - Sportsucht. Aber gibt es wirklich Menschen, die abhängig von Sport werden können, wie eine Art Droge? Ja, dies kann ich bezeugen und nicht nur ich.

Eine Studie der Universität Erlangen und der Universität Halle-Wittenberg hat 2013 gezeigt, dass von 1089 befragten Ausdauer-Athleten rund 4,5 Prozent Sportsucht gefährdet waren. Die Zahlen zeigen, dass Sportsucht kein Massenphänomen ist – was erklärt, warum kaum zu diesem Thema geforscht wird. Doch das Leid der Betroffenen kann erschreckende Ausmaße annehmen. "Es gibt Einzelfälle, in denen sich Süchtige die Ferse bis auf den Knochen abgelaufen haben und trotzdem weiter trainierten“.

Doch wie kommt es zu so einer Sucht? Was sind Anzeichen, Auslöser und Folgen - physisch als auch psychisch?

Anzeichen für eine Sportsucht ist vor allem die Signale des Körpers zu ignorieren, seien es Schmerzen oder akute Erschöpfung. Ebenfalls wird das Training zum Lebensmittelpunkt. Der Sport ist die einzige Konstante im Leben und alles andere wird darum herum geplant. Trainieren zu ungewöhnlichen Uhrzeiten, Fehlzeiten bei der Arbeit, das Vernachlässigen von sozialen Kontakten und Eheprobleme gehören zu der Symptomatik.

Oftmals verfallen Personen mit hohen Leistungsanspruch an sich selbst und Perfektionismus dieser Sucht, auch Ereignisse wie Beziehungsprobleme, Stress oder ein Todesfall in der Familie können Ursachen sein.

Ebenfalls kommt die Sportsucht oft gepaart mit einer Essstörung zum Vorschein, bei der der Betroffene durch den exzessiven Sport versucht immer noch mehr Kalorien zu verbrennen.

Mich hat damals vor fast 3 Jahren genau das in die Sportsucht getrieben. Durch eine Essstörung verfiel ich nach und nach ebenfalls in die Sportsucht. Das tragische dabei war, dass mir dies lange gar nicht bewusst war und ich lange der Meinung war, dass ich mir damit etwas gutes tun würde. Viele Freunde, Verwandte und Bekannte von mir hielten nicht viel von Sport und ich fühlte mich mit meinen täglichen 1,5 bis zu 4 Stunden langen Sporteinheiten den anderen überlegen. Tägliches Krafttraining im Fitnessstudio waren Pflicht und davon konnte mich kein Trainer, der mich warnte, dass das nicht gesund für die Muskeln sei oder ein Feiertag, Geburtstag oder ähnliches abhalten. An zwei Situationen, die ich heute als äußerst schockierend empfinde kann ich mich noch gut erinnern. Da wäre einmal das Begräbnis meines Opas. Wie es üblich ist gingen wir nach der Beisetzung noch in ein Gasthaus essen. Ich jedoch aß weder mit, noch konnte ich die Zeit mit der ganzen Familie genießen und Antteilnahme zeigen, denn das einzige was mir durch den Kopf ging war „Das Fitnessstudio schließt in 2,5 Stunden“. Also verabschiedete ich mich durch einen ausgedachten Vorwand von der Familie und hetzte nach Hause um dann direkt noch ins Fitnessstudio gehen zu können, weil das Training unter keinen Umständen für einen Tag pausieren durfte. Ein anderes Mal vergaß ich morgens meine Sportsachen einzupacken und mit zur Arbeit zu nehmen. Ich wusste jedoch, dass es sich nicht mehr ausgehen würde nach der Arbeit zuerst nachhause und dann ins Training zu fahren, da ich länger arbeiten musste. Kurzerhand entschloss ich mich dazu meiner damaligen Chefin aufzutischen, dass ich noch einen dringenden Arztbesuch hatte und unbedingt dort hin muss. Stattdessen ging ich ins Fitnessstudio - die Arztbestätigung ist bis heute ausständig.

Zusätzlich zu dem Fitnesstraining versuchte ich auch sonst in jeder freien Sekunde irgend eine Tätigkeit bei der ich mich sportlich betätigen konnte zu machen. Ich fuhr generell überall mit dem Fahrrad hin, nahm bewusst extra längere Wege damit ich noch ein bisschen mehr Bewegung in den Tag rein schummeln konnte oder ging nach 2 Stunden Fitnessstudio noch auf eine 25 km lange Radtour mit meinen Eltern.

Versteht mich nicht falsch, Sport ist eine gute Sache und ich bin der Meinung, dass dies jedem Menschen, ob jung oder alt gut tut und mehr Leute ihren Arsch hochkriegen sollten, aber irgendwo reicht es auch. Für mich war die Grenze definitiv überschritten, als ich bemerkte, dass mir der Sport wichtiger war als alles andere in meinem Leben. Es gab nichts und niemanden den ich meinem Training vorgezogen hätte, was mich sehr viel Lebensfreude kostete. Ich nahm an keinerlei spontanen Aktionen teil, kein Weihnachtsmarkt nach der Arbeit, kein Wochenendausflug nach Wien, kein Betriebsurlaub, kein Tagesausflug zum Shoppen - nichts. Das sind Zeit und Momente, die ich nie wieder zurückbekommen werde.

Bei mir persönlich hing natürlich die Sportsucht stark mit der Essstörung zusammen und durch den Fortschritt in der Heilung meiner Essstörung wurde auch die Sportsucht allmählich besser. Heute gehe ich noch 2 bis 3 mal in der Woche zum Sport, es löst aber auch keine Panik in mir aus wenn ich mal ein paar Wochen nicht gehe. Sport ist für mich heute Spaß, Erholung von Stress und eine nette Freizeitbeschäftigung. Ich hoffe, dass Leute, die das hier lesen das Thema ernst nehmen und auch bewusster wahrnehmen. Es gibt auch für diese Sucht professionelle Hilfe, die man in Anspruch nehmen kann und es sollte heutzutage kein Tabu mehr sein sich professionell helfen zu lassen.

Mich würde interessieren, ob ihr selbst schon mal Erfahrungen in diese Richtung gemacht habt - sei es bei euch selbst oder jemand anderen.


Lots of love - Julia



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