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Von einem Hauch amerikanischer Freiheit, Aroz con Pollo und einer Stadt, die viel mehr ist als der Schatten Pablo Escobars


Gut ein Monat ist seit meiner Ausreise vergangen und es gäbe jetzt schon so viel zu erzählen, dass mein Speicherplatz dafür nicht ausreichen würde. Mein zweites Problem ist, dass ich absolut keinen blassen Schimmer habe, wie und wo ich anfangen soll.

Was mir jedoch der vergangene Monat gezeigt hat ist, dass Zeit ein sehr dehnbarer Begriff ist. Er wird definiert durch das was man daraus macht. So ist das Zeitgefühl des vergangenen Monats nicht mal ansatzweise vergleichbar mit der Zeit nach dem Abitur. Versuche ich mich an das Gefühl zu erinnern, dass ich hatte als ich in den Flieger in Köln gestiegen bin, muss ich einige Sekunden in meinem Hypocampus kramen, um eine Mischung von Nervosität und Vorfreude zu finden. Dieser Gemütszustand wurde erst durch das Betreten des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten ersetzt. Denn anstatt der nach Freiheit duftenden Luft traf mich die 35 Grad schwüle Luft einer Stadt die klischeehafter kaum sein kann. Mit einem Auto, das einem Panzer glich, wurden wir über sechsspurige Straßen, vorbei an Bergen aus Häusern und leuchtenden Reklamen zu unserem Hostel gebracht. Nach dem obligatorischen Burger in Miami Beach machten wir uns auf den Weg Richtung Strand. Es war bereits dunkel geworden und der volle Mond tauchte die Skyline in ein fahles Licht. Das Meer hatte die Temperatur eines Thermalbades. Von den sanften Wellen treibend und mit dem Lichtermeer von Miami im Rücken ließ es sich ziemlich gut aushalten. Noch bis tief in die Nacht saßen wir dort, vergruben die Füße im weißen Sand und blickten aufs Meer.

Ich muss schon zugeben, diese Zeit in Miami haben wir sehr genossen. Und doch ist Miami eine Stadt, die ich nicht unbedingt weiterempfehlen würde, auch wenn ich mir nur für kurze Zeit ein Bild von dieser Stadt machen konnte; Hektik, Patriotismus, Reizüberflutung, die Omnipräsenz von Sirenen, und Stahlschlangen auf den Straßen prägen das Stadtbild. Der Inbegriff des Kapitalismus, viel Platz für den Tellerwäscher ist da nicht und unbegrenzt sind höchstens die Konsummöglichkeiten.

Trotz bevorstehendem Hurricane Irma lief am nächsten Morgen alles einigermaßen rund und schon bald kreiste unser Flugzeug über den Bergen Medellíns. Doch statt Landeanflug hieß es Weiterflug nach Bogota, kolumbiens Hauptstadt. Der Grund war ein Schaden der Landebahn. Nach zweistündigem Warten in Bogota ging es dann doch mit dem Flieger zurück nach Medellín und nicht wie zuvor befürchtet mit dem Bus (10 Stunden von Bogota nach Medellín).

Begleitet von kolumbianischen Cumbia und Salsa ging es per Bus Richtung Hostel. Während der Fahrt bekamen wir entweder den Mund vor Staunen nicht zu oder das Grinsen nicht aus dem Gesicht. Die ersten beiden Tage verbrachten wir mit zwei Vorgängern in einem sehr heimeligen, kleinen Hostel im Zentrum der Stadt. Von dort aus ging es zu Workshops und ersten Stadterkundungen. Medellín, eine Stadt, die einem den Atem raubt. Man hat das Gefühl jeder Bewohner Medellíns ist tagsüber auf der Straße. Ich würde jetzt ungern von Hektik sprechen, doch für mich als europäischen Kleinstädter wirkt diese Lebendigkeit schon ein bisschen so. Und doch empfinde ich es schon lange nicht mehr als anstrengend, im Gegenteil. Jedes Mal, wenn ich nach Medellín kommen macht mein Herz einen kleinen Freudensprung, wenn ich sehe was diese Stadt alles in sich hat. Denn ich wohne ca. 40 Minuten (mit Metro und Bus) von Medellín entfernt in dem beschaulichen Dörfchen Namens Girardota. Doch ihr dürft euch das nicht vorstellen wie ein Dorf in Deutschland, denn in Girardota verhält es sich ähnlich wie in Medellín, nur im Kleinen. Ich beschreibe das Anderen immer gerne so: Auf den Hauptstraßen ist da mehr los als in der freiburger Innenstadt. Aber im Gegensatz zur Großstadt bin ich hier ganz schnell in der Natur und in den Bergen; was ich sehr an Girardota schätze.

Zu Girardota selbst, durch seine überschaubare Größe, ist es sehr einfach Kontakte zuknüpfen und Anschluss zu finden. So hatte ich hier zu keinem Zeitpunkt das Gefühl einsam zu sein. Gerade auch durch das Inder, meinem Hauptprojekt, zu dem ich gleich noch ausführlich zu sprechen komme, habe ich gleich am Anfang einfach und unkompliziert viele junge Menschen kennengelernt. Womit ich am meisten zu kämpfen hatte war die Sprache. Anfangs hatte ich extreme Probleme die Menschen zu verstehen. Auch heute noch ist da eine Barriere die manche Alltagssituationen erschwert. Gerade dann, wenn die Gesprächsthemen komplexer werden, stoße ich an meine Grenzen. Oft genug habe ich mich schon über mich selber aufgeregt: Warum habe ich es damals in Deutschland als ich noch Zeit hatte nicht auf die Reihe bekommen mich hinzusetzen und spanisch zu lernen. Doch ich war Beratungsresistent gegenüber all den Menschen die schon viel mehr Erfahrungen gesammelt hatten als ich.

Wer mir extrem dabei hilft meine Sprachdefizite auszugleichen ist meine Gastfamilie. Ich könnte jetzt drei Seiten lang über meine Gastfamilie schwärmen, doch ich versuche mich kurz zu halten. Meine Familie besteht aus Papa, Mama, einer Tochter und zwei Söhnen, wobei die Tochter schon ausgezogen ist und nur selten da ist. Zur Mutter, Gloria, und zu dem jüngsten Sohn, Jose Miguel, habe ich die engste Bindung. Ich habe mich von Anfang an hier sehr zuhause gefühlt und wurde herzlichst in die Familie aufgenommen. Schnell wurde ich mit den Familienstrukturen vertraut und bin jetzt Teil dieser. Die Zuneigung die mir in diesem Haus entgegen kommt beschämt mich schon teilweise, da ich nichts als Dankbarkeit entgegenbringen kann. Was mir vor allem außerhalb der Gastfamilie auffällt, ist das den Kolumbianern extrem wichtig ist, was Ausländer über Kolumbien und deren Bewohner denken. „¿Está amañado acá?“ ist in den aller meisten Fällen die erste Frage nach dem Vorstellen; was so viel heißt wie: bist du glücklich hier? Auch die Frage, was man in Deutschland über Kolumbien denkt wird mir nicht selten gestellt. Stellt euch mal kurz diese Frage. Viel mehr als Kokain, Pablo Escobar und vielleicht noch die Farc kommt dabei meistens nicht raus. Auch Serien, wie der Netflixerfolg „Narcos“ verstärken diese Bilder, anstatt sie abzubauen. Wobei ich es in keinster Weise kritisieren will „Narcos“ zu schauen. Auch ich schaue mir zurzeit die Serie an. Es lässt sich nicht bestreiten, dass die Serie dabei hilft die Geschichte Medellíns und Kolumbiens wenigstens ein bisschen zu verstehen. Doch seit den 1980er und 90er Jahren hat sich im Land viel verändert. Man hat erkannt, dass sportliches und kulturelles Angebot potentielle Gewalt verringern kann. So ist das Sport- und Kulturangebot überwältigend und überall gibt es heute Kulturzentren und Sporteinrichtungen. Ein Beispiel dafür ist das Inder (Instituto de Deportes y Recreación de Medellín), welches so ziemlich jede Sportart anbietet, die man sich vorstellen kann. Überall in der Stadt verteilt gibt es Inder. Dieses Inder ist mein Hautprojekt. Dort unterstütze die classe de tenis de mesa und baloncesto (Tischtennis und Basketball). Vor allem beim Tischtennis kann ich mittlerweile viel selber einbringen, da ich in diesem Bereich Erfahrung aus Deutschland mitbringe. In allen Kursen die ich mach ist immer auch ein professioneller Trainer dabei. Das Training sieht normalerweise folgendermaßen aus: Ich mache mit den Schülern, die zwischen 11 und 17 Jahre alt sind, das Aufwärmen und Dehnen. Danach schnappt sich der Trainer zwei bis drei Schüler und macht mit ihnen „multibola“, dort werden konkrete Technikübungen gemacht. Ich mache währenddessen mit allen anderen an den übrigen Tischen Übungen. Mittlerweile bin ich auch mit dem sehr spezifischen Vokabular vertraut, so dass diese Art von Arbeit ziemlich rund läuft. Beim Basketball könnte man hingegen eher von einem „Mit dabei“ sprechen. Für die Kinder (maximal 10 Jahre alt) bin ich zwar auch „Profe“, jedoch besteht meine Arbeit darin Hütchen aufzustellen und aufzupassen das niemand als zu großen Unfug macht. Dementsprechend macht das Basketballtraining schon Spaß, ist aber nicht sehr zufriedenstellend. Allgemein fällt es mir im Inder schwer etwas zu haben, das mich fordert oder etwas Eigenes aufzubauen. Denn das Inder an sich ist sehr professionell aufgestellt. Es wird an Wettkämpfen teilgenommen, es gibt für jede Sportart mehrere ausgebildete Trainer und die Administration hat einen extrem hohen Standard. Folglich war die Arbeit anfangs für mich nicht sehr erfüllend, da es nicht wirklich etwas änderte ob ich anwesend war oder nicht.

Vor rund 3 Wochen machte ich mich dann auf die Suche nach weiteren Arbeitsmöglichkeiten, und bin letzten Endes auch fündig geworden. Heute mache ich mit den beiden andern Freiwilligen aus Girardota eine zweistündige Musikklasse für Menschen mit Behinderungen aller Art, dienstags bin ich in der „Cooperacion Primavera“ in Medellín, wo Kinder die Möglichkeit haben Computer zu nutzen, Zugang zu einer Bibliothek haben oder einfach spielen können. Des Weiteren mache ich mit einem weiteren Freiwilligen mit dem Projekt „Colombianitos“ Sportstunden an einem Collegio in Barbosa. Vor allem „Primavera“ und „Colombianitos“ empfinde ich als sehr sinnvoll, da die beiden Projekte nochmal einen starken Kontrast zu meiner übrigen Arbeit darstellt und ich so noch einmal ganz andere Einblicke bekomme. „Primavera“ liegt in Lovaina, dem einstigen Prostitutionsviertel Medellíns. Dort werde ich mich starker Armut konfrontiert. Den Menschen dort geht es um ein vielfaches schlechter als hier in Girardota.

Nach Barbosa sind es von Medellín aus knapp 2 Stunden, von Girardota eine, obwohl die eigentliche Entfernung nicht ganz der Strecke von Freiburg nach Mannheim entspricht. Trotzdem liegt das Dorf tiefer in den Bergen und weit ab vom Großstadttrubel. So ist in Barbosa alles ein bisschen schläfriger, nur die Kinder nicht, die sind noch stürmischer und lebhafter als ich es aus Girardota oder Medellín gewöhnt bin. Aber gerade das bringt mir bei „Colombianitos“ so viel Freude.

So, jetzt muss ich aufhören, weil´s essen gibt. Dreimal dürft ihr raten was es gibt. Richtig: Pollo mit Reis, Arepa, Fricholes und Chicharon, so wie ziemlich jeden Tag. Ja ich lebe untypischerweise nach 6 Wochen immer noch in meiner Gastfamilie. Das Problem ist, das wir uns einfach nicht mehr trennen können, so werde ich wohl noch etwas länger hier hausen und hoffen das die Trennung nicht von allzu vielen Tränen begleitet wird. Liebe Grüße von Nico aus dem wundervollen Kolumbien.

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Mein eigentlicher Plan für diesen Blog lässt sich in der Realität nicht ganz so umsetzen, so wie ich es mir vorgestellt habe. Neben den Erfahrungsberichten, die ich alle 6 Wochen schreibe, schaffe ich es nicht noch einen Blog zu führen. So werde ich hier hauptsächlich Bilder posten und alle 6 Wochen einen Erfahrungsbericht veröffentlichen.

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