Ich stehe nichts ahnend hinter der Verkaufstheke und werde hinterrücks von einer Glühbirne attackiert, die zielsicher durch die Tankstelle fliegt, an meiner Stirn abprallt und vor mir auf den Boden fällt. Ich schüttele mich, schaue verwirrt nach rechts, links, oben und unten und sehe...nichts. Ein Blick auf die Uhr beweist mir, dass es schon spät ist. Es war bis jetzt ein anstregender Tag gewesen, voller alter Damen, die mir nun schon zum zehnten Mal ihre gesamte Lebensgeschichte erzählen mussten, diverser Alkoholiker, die mich aus Frust, dass wir keine Rittersport-Nougatschokolade mehr hatten, mit den restlichen Sorten beworfen hatten und zahlreicher 12jähriger, die auf die glorreiche Idee gekommen waren, Kettenraucher, sei ein anstrebsamer Beruf.

Nun ja... Ich kratze mich am Kopf. Wahrscheinlich sehe ich vor lauter verrückter Menschen schon Gespenster. Oder doch eher..."Glühwürmchen!", tönt es da auf einmal aus der hintersten Ecke des Verkaufsraumes. "Ich hätte gerne solch ein Glühwürmchen!" Energisch schiebt sich zu der Stimme auch ein Körper hinter den Zeitungen hervor. Herr M. strahlt über das ganze Gesicht und ist von seinem Glühbirnenwurf ganz offensichtlich sehr angetan. "Kann ich also noch gut werfen, kann ich!", verkündet er sichtlich zufrieden. "Ich war im Schützenverein immer der Beste, wissen Sie." Ich bemühe mich, bei dieser Aussage kein besorgtes Gesicht zu machen: "Wie kann ich Ihnen denn weiterhelfen?" "Ja wissen Sie, ich brauche Glühwürmchen. Aber ganz bestimmte Sorte, ja brauch ich sofort für mein Auto, wissen Sie. Ich muss immer neue Glühwürmchen in die Lampe stecken, muss ich tun, jawohl aber sie gehen schnell kaputt. Ist ja heutzutage nichts mehr, alles nichts mehr, alles geht immer kaputt und man muss kaufen, kaufen, kaufen bis man nicht mehr kaufen kann, wissen Sie, jawohl. Was soll ich denn machen? Ich brauche ja Glühwürmchen im Auto und..." "Vielleicht kriegen sie nicht genug Luft in ihrer Lampe und ersticken dann an den Abgasen", unterbreche ich diesen Inneren Monolog, an dem ich netterweise teilhaben durfte.

"Was?" "Ach, nichts, nichts", winke ich ab. "Wussten Sie, dass man Glühwürmchen in China als Zeichen für verarmte Studenten ansieht? Weil die Leuchtkäfer, wenn diese nachts lernen mussten, ihre einzige Lichtquelle waren." Herr M. zeigt sich unbeeindruckt: "Fällt das unter die Kategorie Unnützes Wissen?" Seufzend zucke ich mit den Achseln: "Ich fürchte schon."

Ich bücke mich nach der heruntergefallenen Glühbirne und schaue im Schrank nach, ob wir eine noch nicht zerbrochene Version davon auf Lager haben. Ich werde fündig und drücke Herr M. sein Glühwürmchen - oder vielleicht doch eher Glühbirnchen - in die Hand und bereite mich innerlich schon auf eine Diskussion über Kapitalismus, Ausbeutung und Kinderarbeit vor, die einzig und allein daher rührt, dass mein Gegenüber aus Prinzip niemals den Preis bezahlen will, den er aber gezwungenermaßen zahlen muss, wenn er das Produkt erwerben möchte. Er verhält sich dann wie ein Kunde auf einem türkischen Basar und verhandelt unter Umständen eine halbe Stunde lang, bis er mich nach einer halben Stunde als kaltherzig abstempelt und dann doch nichts kauft.

Heute werde ich jedoch verschont. Ich bin froh darüber, kassiere ohne Komplikationen und sehe Herrn M. dabei zu, wie er mit seinem Glühwürmchen zur Tür hinaus schwebt.

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Manchmal habe ich das Gefühl, Menschen gehen nur Tanken, um jemanden zum Reden zu haben, um ihre Probleme abzuladen und sich irgendwie von den Tücken des Alltags abzulenken.

Ich bin mir sicher, dass man, wenn man es wollte, ein System entwickeln könnte, das jegliche menschliche Mitarbeiter an einer Tankstelle überflüssig machen würde. Vermutlich hat man es schon längst entwickelt, aber man will es aus verschiedensten Gründen nicht einführen. Natürlich, da wäre zum einen der Wegfall von Arbeitsplätzen, der einen Aufschrei in der Gesellschaft nach sich ziehen würde, aber noch viel wichtiger: der Wegfall von sozialer Interaktion, von menschlicher Nähe.

Zugegeben, den Menschen, die für diese Maßnahme verantwortlich wären, wäre das vermutlich sehr egal, aber da wir nun einmal ein einer Demokratie leben, muss man doch zumindest so tun, als interessiere die Meinung der Bevölkerung und diese ist: Tankstellen kommen ohne ihre Wärter und Wärterinnen nicht aus.

Ich kann das beurteilen, denn ich arbeite selbst in einer. Keine der großen Marken, keine Esso, Shell oder Aral, eine kleine Dorftankstelle. Vielleicht ist das ein extremes Beispiel, weil man doch nach einiger Zeit beinahe alle Kunden persönlich und beim Namen kennt und sich gerade aus diesem Grund die interessantesten Gespräche entwickeln, aber dass Tankstellen ein Ort von Begegnungen aller Art sind, ist unumstritten.

Die kurioseste Ansammlung von Begegnungen, die man hierzulande finden kann, möchte ich meinen...

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Ich stehe in der Fußgängerzone und spiele Geige. Neben mir ein geöffneter Geigenkasten, der mittlerweile ein wenig Kleingeld enthält und eine ganze Menge Zettel, auf denen Dinge stehen, wie: Was ist der Sinn des Lebens? Geht es Ihnen gut? Glauben Sie an das Kind in sich? und so weiter und so fort.

Bitte nehmen Sie sich einen Zettel aus dem Geigenkasten!

Ab und an wagt es ein wagemutiger Zuhörer, dieser Aufforderung nachzukommen, schaut vorsichtig nach rechts und links, schnappt sich einen Papierfetzen und rennt beinahe davon. Interessanterweise, kommt er meistens wieder, wenn er diesen gelesen hat. "Was meinen Sie damit? Wieso fragen Sie so etwas?" "Nun sind Sie derjenige, der Fragen stellt." Es ist einer der interessanten Züge der menschlichen Spezies, dass sie Fragen, die keine eindeutige Antwort bereithalten oder vor deren Antwort sie sich fürchtet, entweder ignoriert oder mit weiteren Fragen beantwortet.

Obwohl es durchaus fragwürdig ist, warum ich in der Stadt stehe, Straßenmusik mache und dabei Zettel verteile, über deren ökonomischen Nutzen man sich streiten kann. Nun, eigentlich ist es ganz einfach. Städte sind Orte der Hektik, des Eben-noch-schnell-besorgen-gehens, der Terminabsprachen, der gescheiterten Dates, des Alltagstrotts und der Arbeit. Ich behaupte, dass die wenigsten Menschen, die sich in einem Affenzahn möglichst zeitsparend durch die Einkaufspassagen schieben, glücklich sind. Vielleicht scheint es so, vielleicht reden sie es sich selbst ein, um zu rechtfertigen, dass sie nichts an ihrem Lebensstil ändern. Es ist einfach in einer Seifenblase zu leben, wenn die Gesellschaft und allen voran die Werbeindustrie, sie kräftig darin unterstützt.

Kaufen Sie ein rosarotes Einhorn mit Glubschaugen für Ihr Kind und es wird Sie für immer lieben! Aber ich habe doch gar kein Kind! Macht nichts, dann kaufen Sie es eben für Ihren Mann. Gute Idee!

Es ist auf eine traurige Weise absurd. Ich glaube fest daran, dass Musik glücklich macht und auch wenn sie nicht bewusst wahrgenommen wird, Türen in den Köpfen der Menschen öffnet, die sie daran erinnern, wer sie wirklich sind. Also stehe ich drei Tage die Woche (weil man nur für drei Tage eine Genehmigung erhalten kann) in der Fußgängerzone und spiele. Mein Erfolg gibt mir Recht. Leute schenken mir ihr Lächeln, kleine Kinder staunen und stehen eine Woche später mit ihrer Mutter vor mir, die wissen will, warum ihr Kind auf einmal so dringend Geigenunterricht haben will, Touristen schießen Fotos und tanzen ausgelassen. Ich schließe Freundschaft mit den Obdachlosen - dem Mann, der immer vor dem Schreibwarengeschäft sitzt und schon seit Wochen ein und dasselbe Buch liest, der Frau, die auf den Treppenstufen der Kirche bettelt und auch, wenn sie nie etwas kriegt, niemals ihr Lächeln verliert - und den anderen Straßenmusikern, wie Jakub*, der Physiotherapeut aus Tschechien, der sich bei DSDS beworben hat und bis dahin mit seiner Gitarre und Stimme durch ganz Deutschland tourt, um das Singen vor Publikum zu üben und gleichzeitig Geld zu verdienen. Manchmal singen wir zusammen und dann ist die Welt für einen kurzen Moment vollkommen in Ordnung.

Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und Aussagen, wie In Deutschland muss keiner auf der Straße leben! sind die Worte der Menschen, die dazu neigen, vor Problemen ihre Augen zu verschließen. Sie hören nicht zu, weil es sie nicht direkt betrifft.

Ich spiele für sie alle, für eine bessere Welt.

Mitten im Stück werde ich von einem Mann in Uniform unterbrochen. Das liebe Ordnungsamt. Sie mögen mich nicht besonders. Erstens, weil ich Musik mache und zweitens weil ich immer eine Genehmigung für dieses Vorgehen habe. Ärgerlich. Sie haben schon die Gebühren erhöht und verfügt, dass ich nur noch für drei Tage die Woche eine Erlaubnis bekommen kann, die ich jede Woche einzeln beantragen muss aber trotzdem lasse ich mich zu ihrem großen Unmut nicht vertreiben. Heute haben Sie sich etwas Neues einfallen lassen: "Der Gebrauch von CD-Playern zur Unterstützung des Geigenspiels ist ab heute untersagt." Aha, interessant. Die Willkür des Staatsapperats. Ich denke kurz darüber nach, eine Diskussion vom Zaun zu brechen, aber verschiebe das auf morgen. Man möchte die netten Beamten ja nun auch nicht überfordern, nachdem ich schon vor zwei Tagen ihr Verwaltungsgebäude gestürmt und nach einer Erklärung für die Erhöhung der Gebühren (die sie mir mangels Vorhandensein nicht geben konnten) zu fragen.

"Nehmen Sie sich doch auch einen Zettel", sage ich noch während ich zusammenpacke. "Was ist aus ihren Träumen geworden?", liest der Mann in Uniform langsam vor. "Außerordentlich passend, finden Sie nicht?", lache ich, schultere meine Geige und lasse den verdutzten Ordnungshüter allein und nachdenklich zurück.


*die Geschichten haben sich alle genauso zugetragen, Namen werden jedoch aus Datenschutzgründen von mir geändert

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