Bevor man in ein noch unbekanntes Land fliegt, geht, fährt oder schwimmt, macht man sich, wie es wohl jeder schon einmal getan hat, Gedanken über so Einiges. Was wäre wenn, kann man dies machen, sollte man das vielleicht lieber lassen, was passiert, wenn ich dies und das tue und so weiter und so fort.
Meistens macht man sich viel zu viele Gedanken und stellt im Nachhinein fest, wie deutsch-kleinkariert man doch gewesen ist. Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich heute nur noch lachen und mir überlegen, welche Befürchtungen ich vielleicht eher hätte haben sollen.

Liste an unbegründeten Befürchtungen, Ängsten und Sorgen:

1. Amicophobia
Die Angst davor, keine Freunde zu finden, sehr verbreitet unter uns Freiwilligen, die sich in eine schon bestehende Gruppe einfügen müssen, was aber bisher bei jedem problemlos funktioniert hat.

2. Stealophobia
Die Angst davor, auf der Straße überfallen zu werden, wenn man offen mit Handtasche, Mobiltelefon oder Kamera herumspaziert. Diese Möglichkeit besteht natürlich immer, ist aber bei Weitem nicht so wahrscheinlich, wie man sich das immer vorstellt. Letztendlich kann man auch als obruni mit Geige in einem Slum überleben.

3. Capiscophobia
Die Angst davor, das ghanaische Nuschelenglisch nicht zu verstehen, die zwar anfänglich berechtigt war, sich aber dann sehr schnell in Verständnis oder die Erkenntnis gewandelt hat, dass man gar nicht immer alles verstehen muss bzw. will.

4. Lostophobia
Die Angst davor, mit dem Taxi nirgendwo anzukommen. Nachdem ich gelesen hatte, dass es seit einigen Jahren hier zwar Straßennamen gibt, diese jedoch keine Socke, geschweige denn Taxifahrer, kennt und man deswegen die Route immer beschreiben muss, sah ich mich schon mit meinem Orientierungssinn, der einem toten Rehkitz gleichkommt, wie mein Fahrlehrer immer zu sagen pflegte, irgendwo im Nirgendwo landen. Schnell lernte ich jedoch, dass es andere Möglichkeiten gibt. In Nungua, da bei dem toten Baum, geht auch als Wegbeschreibung durch.

5. Boringophobie
Die Angst vor Langeweile, die hier zumindest bei mir nicht mehr auftritt, da ich mir dieses Gefühl auf wundersame Art und Weise abgewöhnt habe. Vielleicht aus Selbstschutz, weil hier alles immer so lange dauert und langsam vonstatten geht, vielleicht auch, weil ich gelernt habe, wie man sich effektiv nur mit seinen eigenen Gedanken beschäftigen kann.

6. Fliegephobie
Die Sorge, komplett damit überfordert zu sein, dass man einen so langen Flug mit Umstieg alleine bewältigen muss, war ebenfalls komplett unberechtigt. Denn schließlich kommt man immer irgendwo an und meistens sogar da, wo man auch ursprünglich hinwollte.

7. Friendlyphobie
Die Angst davor, zu nett und naiv zu sein, nicht handeln zu können und somit immer übers Ohr gehauen zu werden. Handelstechniken eignet man sich hier jedoch schneller an, als alles andere.

8. Antimusicophobie
Die Befürchtung, nur wenig bis gar keine Musik machen zu können, die sich auch quasi umgehend in Luft aufgelöst hat, als ich festgestellt habe, dass man mit ein bisschen Singen und Geige spielen nahezu jeden Ghanaer begeistern und das die schönste Art eines Gastgeschenkes sein kann.

9. Ich-habe-nichts-zum-Anziehen-Phobie
Die Frage, unter der fast 80% aller Frauen leiden: was ziehe ich bloß an? Ist das zu kurz, muss ich Schultern und Knie immer bedeckt halten? Es stimmt zwar, dass man in der Kirche nicht bauchfrei und im Minirock auftauchen sollte, aber ansonsten ist es dem Durchschnitts-Ghanaer so ziemlich egal, was sich wer anzieht oder auch eher anschlürt. Da könnte man auch so wie Sofie und ich auf obigem Beweisfoto auf die Straße gehen und es würde niemandem auch nur ein müdes Schulterzucken entlocken.

Liste der Sorgen, die ich vielleicht hätte haben sollen:

1. Hupophobie
Die Angst, in einem Haufen wütend hupender Taxis und Trotros, die alle auf ihre Vorfahrt bestehen und sich nicht um unwichtige Fußgänger scheren, irgendwann einmal zerquetscht zu werden.

2. Illophobia
Die Angst davor, krank zu werden und ins Krankenhaus zu müssen. Das ist wirklich keine Erfahrung, die ich irgendwem zumuten möchte.

3. Marryophobie
Die Befürchtung, schneller verheiratet zu sein, als einem lieb ist, was bei den zahlreichen aufdringlichen und übermotivierten Ghananern tatsächlich passieren könnte. Zumindest die Heiratsanträge habe ich schon.

Liste der Befürchtungen, die sich bestätigt haben:

1. Immigraziophobie
Die Angst davor, sein Visum tatsächlich verlängern zu müssen und dann mit der ghanaischen Bürokratie heillos überfordert zu sein. Überfordert ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, aber reichlich aggressiv macht sie schon.

2. Malariaphobie
Die Angst, Malaria zu kriegen. Mich hat es zwar noch nicht erwischt, aber in letzter Zeit zwei andere Freiwillige - ein Vorfall, der uns allen wieder in Erinnerung gerufen hat, dass diese Krankheit uns tatsächlich heimsuchen kann. Auch die hohe Malariarate in Asikam beschreibt sie als erschreckend real. Trotzdem bleibt unumstritten, dass man Malaria hier mit einigen Antibiotika gut behandeln kann.

Alles in allem bleibt wohl festzuhalten, dass ich mir, wenn ich noch einmal so einen großen Auslandsaufenthalt plane, einfach nur noch so wenig Gedanken, wie möglich machen werde, da ja doch immer alles anders kommt, als man denkt und beinahe jede Sorge konplett unberechtigt war.

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Ich habe keine Ahnung, woran das liegt, aber die besten Möglichkeiten ergeben sich immer erst dann, wenn es schon fast zu spät ist.
Mena ist so eine dieser Personen, die ich gerne schon viel früher kennengelernt hätte. Wir hätten von Anfang an zusammen Musik machen sollen, stattdessen treffe ich ihn am Samstag, sechs Wochen vor meinem Abflug.
Warum ich ihm einen Blogeintrag widme, obwohl wir uns erst seit knapp einer Woche kennen, ist die Tatsache, dass er schon jetzt ein wichtiger Teil meines Aufenthaltes in Ghana geworden ist.

Ich komme aus der Schule nachhause, bin müde und abgenervt und habe eigentlich schon überhaupt keine Lust mehr auf zwischenmenschliche Kommunikation.
Willst verbringen du etwas Zeit? fragt Mena in seinem Google-Übersetzer-Deutsch. Warum eigentlich nicht? Musik hat meine Laune bisher immer besser gemacht.
Ich schnappe mir die Geige und bin schon auf und davon, raus aus der Enge des Studenthouses, auf der Straße in Richtung zweiter Kokosnussstand hinter der Cactus Road. Zumindest ungefähr. Mein ghanaisches GPS lässt mich vor einem gelben Haus zum Stehen kommen. Sie haben ihren Zielort erreicht.
Ohne zu klingeln, da die Klingel ohnehin nicht funktioniert, öffne ich das niemals abgeschlossene Tor und betrete das Heiligtum des Gebäudes. Eingerahmt von einem Büro- und einem Anglerstuhl steht der große Tisch mit Boxen, Mikros und Bildschirmen ganz für sich und füllt den kleinen Raum beinahe vollständig aus. Unter sich eine zerfledderte Matratze, auf der der ein oder andere Musiker bisweilen gerne mal übernachtet - das schmerzhafte Kopfstoßen an der Tischplatte am nächsten Morgen ist regelmäßig Programm.
Mena thront wie gewöhnlich in seinem Bürostuhl und parkt nun Fahrgeräusche und Lenkbewegungen eines Autos nachahmend äußerst professionell neben mir ein. Ouh, Charlie. Good to see you, man!
Heute erregt jedoch etwas anderes meine Aufmerksamkeit, sodass ich die zum Gruß angebotene Faust gar nicht wahrnehme, sondern nur wie in Trance auf das Keyboard zusteuere, das wie eine Fata Morgana zwischen Kabeln und sonstiger Technik hervorschaut.
You like my wife? Ein weiterer Mann hat unbemerkt den Raum betreten und betrachtet amüsiert meine leuchtenden Augen. Mensah Highlife, stellt er sich vor. Der Musikstil? Wahrscheinlich sein Künstlername. Ich lerne, dass er zwar in Ghana zur Schule gegangen ist (in einer Zeit, wo es hier noch richtigen Musikunterricht gab) aber in London studiert hat, um dann in Kanada und Schweden Musik zu unterrichten. Jetzt ist er wieder zurück, hat eine Musikschule in Accra gegründet, gibt Keyboardunterricht und schreibt ganz nebenbei noch seine eigenen Songs, die er mal eben mit Gänsehautstimme zum Besten gibt.
Es ist immer dasselbe mit Mena. Egal zu welcher Tageszeit man bei ihm auftaucht, jedes Mal trifft man auf interessante Musikmenschen. DJs, Künstler, Toningenieure, Musikproduzenten und Lehrer - alles ist dabei. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich so gerne in seiner Gegenwart aufhalte. Es wird nie langweilig und ich habe das, was ich hier als einziges wirklich vermisst habe - musikalische Gesellschaft.
Wir jammen uns durch den Tag und beschließen dann, Fufu essen zu gehen.
Mensah ist kurz verunsichert. Eigentlich sei ich doch da, weil ich mit Mena ein Musikvideo zu unserem Lieblingssong Just to spend some time with you aufnehmen wollte. Ich lache nur. Das kann man ja auch vertagen; hier in Ghana tickt die Zeit ohnehin etwas langsamer und unregelmäßiger als anderswo. Dreimal fragt mich nun ein nahezu verängstigter Mensah, ob ich mir ganz sicher wäre, dass ich wirklich aus Deutschland käme. Ich wäre so ghanaisch, so planlos, entspannt und unstrukturiert. You go with the flow. Ich nehme das mal als Kompliment.
Während wir nun also Fufu mit den Händen in uns reinschaufeln, diskutieren wir angeregt über den Verfall der heutigen Musikindustrie, die nur noch das spielt, was das Publikum hören will. Eine gleichförmige, uninspirierte Masse an Tönen, die sich durch Klangexperimente aus Elektronik schiebt und dabei rosarote Wolken in unsere Gehörgänge malt.
Beinahe verpasst Mensah seinen nächsten Termin und springt relativ gehetzt in das nächstbeste Taxi. Für einen Moment ist er der Deutsche von uns beiden.
Mena und ich fahren wieder zurück, hängen im Angler- und Bürostuhl und reden über Gott und die Welt. Wortwörtlich.
Come, I show you something.
Er packt sich einen Lautsprecher und verschwindet nach draußen. Als ich ihm folge, kann ich ihn nirgendwo entdecken. Plötzlich ertönt über mir Musik. Der Witzbold ist auf das Hausdach geklettert, steht jetzt einige Meter über mir am Rand, die Arme ausgebreitet und sieht aus wie eine Mischung aus Superman, der Erzengel Gabriel und Rose aus Titanic. Eine Rose, die jetzt mit Gangsterstimme ruft: Come, this view is dope!
Ade come, ade come! Ich komm ja schon.
Grazil wie ein Elefant auf Staatsbesuch schwinge ich mich von der letzten Leitersprosse auf das Dach und die Sicht ist wirklich wunderschön. Gerade geht die Sonne unter und taucht die Welt in ein Licht, das alles unwirklich erscheinen lässt. Die Hintergrundmusik aus der Lautsprecherbox bringt uns dazu, zu tanzen, bis es dunkel wird und die Mücken anfangen, mich schier zum Fressen gern zu haben. Schade eigentlich.
Darf ich bitten? Ein Tanz auf dem Dach im Dämmerlicht.
Wieder auf dem Boden der Realität angekommen, laufen wir Menas Cousin Alex in die Arme, der ebenfalls Musik produziert, aber seine Hoffnungen eher in die Kleidermarke setzt, die er ins Leben gerufen hat und für die er in wenigen Tagen nach Kanada fliegen wird. Standorterweiterung.
Von Innovationsgeist ist bei ihm allerdings gerade wenig zu spüren, denn er hat Hunger. Also begeben wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem, was sich jedoch als schwieriger herausstellt, als erwartet. Alles hat entweder geschlossen oder nicht das, was wir wollen. Barfuß laufen wir durch die Straßen, spüren jedes Steinchen, unter der Fußsohle der noch sonnenwarme Teer und es ist egal, was alle anderen denken.
Wir komponieren auf die Schnelle einen Essensbeschwörungstanz, der uns schließlich bis zum Brigade führt.
Fried Rice. Mena lässt ein paar Einweggummis mitgehen, mit denen sonst die Essensschachteln zusammengehalten werden. Number one source of hairbands. They do not even know, erklärt er an meinen verwunderten Gesichtsausdruck gewandt.
Zurück im Haus schauen wir einen Film, der wohl eine Mischung aus Geschichts- und Fantasystreifen darstellen soll. Von der Seite beobachte ich Mena, der konzentriert auf den Bildschirm starrt und bei jedem Toten anteilnehmend F**k ausruft (es war ein Film mit sehr vielen Schlachten und Toten).
Es kommt mir so vor, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen. Die Art, wie er den Thunfisch aus meinem Reis rausklaubt, weil er weiß, dass ich den überhaupt nicht mag, wie wir gleichzeitig nach Papier und Stift greifen, weil uns die Filmmusik zu neuen Songtexten inspiriert, wie wir über dieselben Dialoge lachen, die uns die Darsteller bieten und gleichzeitig die Augen verdrehen, wenn die Geschichte, trotz aller Widrigkeiten und Hindernisse, doch noch gut ausgeht.
We live in a world full of happy endings, which are most likely to not be true.
Es ist spät geworden. Er bringt mich noch nachhause; auf dem Weg rennen wir mehrmals beinahe in diverse Autos, da wir beide den Himmel, der aus rosanen Wattewölkchen besteht, statt die Straße betrachten. Wundersamerweise kommen wir trotzdem heil an.
Ich sehe ihm nach, wie er alleine den Rückweg antritt, ein, zwei Luftsprünge vollführt und seine Silhouette dann langsam in der Dunkelheit verschwindet.

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Ich sitze eingeklemmt zwischen zwei Fischerbooten vor und hinter mir, drei beinahe zahnlosen Ghanaern in Unterhose, die wenn überhaupt nur unverständliches Englisch von sich geben links von mir und einem Rastamann rechts von mir in Jamestown, dem Slum am Fuße des Leuchtturms von Accra und alle starren mich an. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass keiner der Anwesenden die Absicht hat, mich zu vergewaltigen oder auszurauben, entspanne ich mich und packe die Geige aus. Ich komme mir vor wie bei einer Drogenübergabe, mit dem Unterschied, dass sich kein Maschinengewehr in Mafia-Manier in meinem Geigenkoffer verbirgt, sondern es wirklich nur um das Instrument geht.
Nun zu der offensichtlichen Frage: warum genau tue ich mir das an?
Um das zu beantworten muss man sich ungefähr zwei Wochen zurück in das Wohnzimmer der Fufu essenden Gastfamilie von Vicky zurückbeamen und dem Gastvater genau zuhören, wie er förmlich vor Begeisterung ausrastet, als er erfährt, dass ich Geige spielen kann. Sein Neffe Nicholas, der gleichzeitig Williams Cousin ist, wäre ein ganz toller Musiker und bräuchte nur noch eine Geige, um ganz groß rauszukommen. Ob ich mich nicht einmal mit ihm treffen könnte, um ein paar Songs aufzunehmen.
Nunja, in Erwartung mich zumindest in so einer Art Studio wiederzufinden, fuhr ich nach Accra, um diesen Nicholas zu treffen, von dem ich nichts weiter wusste, als dass er Rastafari ist und sitze nun hier im Sand in oben beschriebener Situation, weil ganz auf Rasta-Art erst einmal relaxt wird.
Dann kramt er eine winzige Box in Armbanduhrenformat aus seiner ganz sicher ökologisch zertifizierten Leinenhose hervor und spielt mir ein paar Lieder vor, die inhaltlich gar nicht mal so schlecht sind. Über HIV, den gesundheitsschädlichen Versuch mancher Afrikaner, ihre Haut zu bleichen und dass man recyceln sollte. Gar nicht mal so dumm. Dazu soll ich nun Geige spielen und singen, da Ghanaer diese Fakten einer Weißen wie mir eher glauben würden. Nächste Woche soll die Aufnahmesession dann stattfinden.
Aber die Worte sind zu direkt, zu klar und unverschämt für diesen Ort am Strand zwischen Fischerbooten und ich merke, wie unsere Umgebung nichts von dem versteht, was wir singen.
Der Wind verfängt sich in den zerfetzten Segeln und singt sein eigenes Lied von den Tränen einer community, deren Probleme größer sind, als ökologisch recyclebare Hosen, gesundes Essverhalten und sportlicher Lebensstil.
Ein wenig zu viel rastafarischer Optimismus.
Die Geige wird herumgereicht - eine willkommene Abwechslung des tristen Alltags, der bei näherer Betrachtung immer noch bunter ist, als eine deutsche Arbeitswoche.
Die Klänge wirken fremdartig zwischen den Hütten aus Wellblechpappe und Bambus und der mit Dreadlocks gespickte Kopf hält das Instrument wie ein neugeborenes Kind.
Als er dann aber auf einmal anfängt von einer ewigen Verbindung zwischen uns beiden zu faseln und dass die Musik uns bereits verheiratet hätte, wird mir das doch ein bisschen zu viel der Jeder-liebt-jeden-Philosophie und ich ergreife die Flucht, indem ich schleunigst den Heimweg antrete.
Auch wenn ich jetzt offiziell ein vegetarisches Rastagirl bin, muss ich meinen Tag nicht unbedingt mit einer Verlobung beenden.

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Unser drittes Musketier ist nun seit genau einer Woche verschollen und fehlt an allen Ecken und Enden. Keiner kommt morgens mehr verschlafen in einem viel zu großen Whatsapp-Smiley-T-shirt aus der Tür geschlurft, keiner fragt, ob wir nicht ausnahmsweise nochmal Pizza bestellen wollen, keiner regt Joyce mehr beim Halt mal kurz spielen auf (okay, das ist eine Lüge, sie regt sich immer noch auf, aber nicht so sehr wie über Caro), keiner beschwert sich über nicht glücklich machendes Essen, keiner findet alles ramschig oder hated this hater shit, keiner hört mehr Ed Sheeran (die guten, alten Songs) und keiner beschwert sich mehr darüber, dass keiner ihrer Whatsappkontakte antwortet, obwohl sie selbst nie schreibt.
Es ist schon faszinierend, wie sehr man sich an jemanden gewöhnen kann, wie lieb man eine Person innerhalb von wenigen Monaten gewinnen kann und wie sehr es auffällt, wenn diese Person dann auf einmal nicht mehr da ist.
Aber trotzdem dreht die Welt sich irgendwie weiter und in den letzten Tagen ist schon wieder einiges passiert.
Es wurde zum Beispiel ein Rekord sondergleichen aufgestellt: eine Aufenthaltsdauer in Ghana von gerade mal zwei Tagen. Tina fand am Donnerstagabend ihren Weg zu uns und am Freitag direkt in Begleitung von Game, Joyce, Jana und mir ins Krankenhaus, da sie über furchtbare Bauchschmerzen klagte. Im Lekma (dem Krankenhaus meines Vertrauens oder doch eher Misstrauens) wurde uns dann erstmal ein folder (Patientenakte) für 40 Cedi, achnein warte, 80 Cedi, wir sind ja Ausländer, angedreht, bis dem zuständigen Arzt dann auffiel: die meisten wards haben ja schon geschlossen. Ein Krankenhaus mit Schließungszeiten? Um sieben Uhr abends? Ghana lässt grüßen.
Also weiter zum nächsten Krankenhaus, das dem Lekma so ähnlich ist, wie eine Bohne einem Schnabeltier, denn es ist privater Natur. Staatliche und private Krankenhäuser trennen hier in Ghana Welten. Das Ambiente betreffend, behandlungstechnisch, aber auch leider preislich. "Das ist kein Krankenhaus, das ist ein Hotel!", bemerkte Game beeindruckt und hatte so ziemlich Recht damit. Schöne Vorhänge an den Fenstern, Bilder an der Wand, Holzmöbel und keine Spur des typischen Krankenhausgeruches.
Eine Ärztin (die erste, die ich hier zu Gesicht bekomme) schritt zur Untersuchung heran, konnte jedoch auch nicht wirklich viel ausrichten. Nachts fuhren wir nachhause, am nächsten Morgen wieder hin. Während Joyce und ich darauf warteten, dass Tina aus dem Behandlungszimmer wiederkam, wurden wir von fünfjährigen Zwillingen belagert, die ein besseres Englisch sprachen, als die meisten Erwachsenen hier, bis 100 zählen und lesen konnten und uns dann mitsamt Flyern zu den Zeugen Jehovas bekehren wollten. Those kids are very intelligent, bemerkte ein Ghanaer neben mir, aber das würde ich nicht unbedingt so unterschreiben. Klar, die zwei wussten eine Menge, aber nur mit Intelligenz hatte das nichts zu tun. Mit der Ausbildung, die sie dank ihrer wohlhabenden Eltern genießen konnten und können, wären auch einige Kinder meiner Schule in der Lage, jetzt schon zu lesen und zu rechnen. Mal wieder wird die große Diskrepanz zwischen Arm und Reich deutlich.
Um ein ständiges von Krankenhaus zu Krankenhaus Laufen zu vermeiden, beschloss Tina am Samstag vernünftigerweise vorerst nachhause zu fliegen und dann, wenn sie gesund ist, wiederzukommen.

Ansonsten steht der Samstag ganz im Zeichen der Musik. Zusammen mit Josie fahre ich zu Mena, einem Rasta mit einer halb Dreads-, halb Pilzkopf-Frisur, dessen Bekanntschaft wir über einige Ecken, Kurven und Kreisverkehre gemacht hatten, und der so eine Art Studio besitzt.
Nachdem er sich ein paar meiner Songs angehört und ihnen die Bewertung Ouh, Charlie, this is dope! gegeben hat (auf seiner Punkteskala das höchste Lob), spielt er mir ein paar seiner Beats vor und ich soll den vibe dazu finden. Wie bitte? Achso, Texte schreiben. Ich schnappe mir Papier und Stift und schreibe einige Songs, die wir mit großer Begeisterung aufnehmen. Als es auf den Abend zugeht, ärgere ich mich, dass ich Mena nicht schon vorher kennengelernt habe. Aber auf der Hinfahrt habe ich festgestellt: eigentlich wohnt er nur einen Fußmarsch von mir entfernt. Eigentlich.
Als er versucht mich nachhause zu bringen, verlaufen wir uns so hoffnungslos, dass wir zwei bis drei Stunden durch die Gassen von Nungua irren, bis wir schließlich am Studenthouse auskommen. Im Dunkeln sieht aber auch alles anders aus.
Ich lerne: wenn man jemanden besser kennenlernen möchte, sollte man sich unbedingt mit ihm nachts in einer ghanaischen Stadt verlaufen - man redet über so viel tiefsinnige Themen, wie sonst selten.

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Vor etwas weniger als einer Woche erreichte mich die frohe Botschaft, dass ich ein weiteres Mal bei meiner Partnerschule, Countess Amelia Academy, nach Obosomase eingeladen wurde. Grund dieser seltenen Ehre wurde mir erst ein wenig später klar: partnership celebration. Achso, jetzt weiß ich natürlich genau, worum es geht.
Bis zum Abend meiner Abreise war aus Solomon, dem Journalisten, der die gesamte Veranstaltung dokumentieren sollte, nichts weiter rauszukriegen, als: bereite eine lange Rede und eine Aktivität vor, die du mit allen Schülern, Lehrern und Eltern machen kannst. Eine Aachener Akivität bitte, ghanaische Dinge wollen wir von dir nicht. Ungefähr nach diesem Motto wurde ich von besagtem Zeitungsfritzen auch behandelt. Nachdem er schon darauf bestanden hatte, mich abzuholen und auf meiner Trotrofahrt in die Eastern Region zu begleiten, weil ich das ja bestimmt nicht alleine finden würde, wurde auf der Fahrt alles erklärt. "Das da vorne ist der Mate, bei dem bezahlt man, wenn jemand hinter dir raus will, musst du aufstehen und ihn durchlassen und wenn du rauswillst, musst du busstop rufen." Das ging dann ungefähr eine ganze Weile so weiter, bis ich äußert fachmännisch ein Icepak aus dem geöffneten Fenster kaufte und er mich nur entsetzt anstarrte: "Trinkst du kein Flaschenwasser?" "Nein, ich mache das immer so." "Bist du überhaupt schon einmal Trotro gefahren?" "Ja, ich fahre immer Trotro." "Oh, ich hatte gedacht, du würdest immer Taxi fahren." "Nein, so viel Geld habe ich nicht." Als dann auch noch die Frage nachgeschoben wurde, ob ich überhaupt schon einmal ghanaisches Essen probiert hätte, ich würde mich doch wahrscheinlich nur von europäischem Essen ernähren, musste ich mich wirklich zusammenreißen, nicht unfreundlich zu werden. Ich glaube, mich hat in meinen viereinhalb Monaten hier noch niemand so sehr wie eine dumme Touristin behandelt.
Leicht genervt und immer noch unwissend, was am Donnerstag nun eigentlich Sache sein sollte, wurde ich in Obosomase von Grace und Jerry, dem Schulleiterehepaar, im Vorbeigehen auf dem Weg zum Evening Service begrüßt, und wurde dann direkt von Josh, ihrem Sohn, in Beschlag genommen, mit dem ich bis in die Nacht hinein Geige, Keyboard und Gitarre spielte, sang und ein bisschen sound engineering lernte, während wir unsere eigenen Songs aufnahmen.

Am nächsten Morgen immer noch Verwirrung über den Tagesablauf. Ich weiß jetzt, dass es so eine Art Tag der offenen Tür sein soll, an dem alle Eltern, Schüler und Lehrer teilnehmen sollen. Aber wann, wie, wo, was, wieso, weshalb, warum? Keine Ahnung. Ich praktiziere ghanaische Gelassenheit.
Da es sonst nichts zu tun gibt, fahre ich die Runde mit dem Schulbus und helfe die Kinder einzusammeln (man halte Ausschau nach kleinen rosa und/oder blauen Punkten).
Als ich zurückkomme, sind die Vorbereitungen schon in vollem Gange. In der Küche wird Aachener Reisfladen gebacken, der zwar nicht im Geringsten so aussieht wie unser Gebäck, aber tatsächlich ansatzweise so schmeckt; die Versammlungshalle wird mit Fotos und Kinderspielzeug geschmückt, die die KGS Am Römerhof geschickt hatte.
Jerry fängt mich ab und erteilt im Stil des gesamten Tages Anweisungen: doch keine Aachener Activity, dafür soll ich mit Josh die musikalische Gestaltung des Vormittages übernehmen. Diese Nachricht ereilt uns während die Feierlichkeiten eigentlich schon längst begonnen haben. So war das nicht geplant. In einem Affenzahn werden Keyboard, Mikro usw. aufgebaut und angeschlossen, leicht gehetzt sitzen wir positionsbereit....und sind doch noch nicht dran.
Rede folgt auf Rede, deren Inhalt ich nur erahnen kann, denn sie sind auf Twi. Scheinbar wahllos befiehlt Jerry: Laura, aufstehen, ah doch nicht, hinsetzen, Fotolächeln, aufstehen, in die Mitte gehen, Foto mit irgendeinem Kind schießen, wieder hinsetzen, aufstehen, hinsetzen.
Grace erzählt die Geschichte der Partnerschaft, alle Eltern dürfen nach vorne kommen und Bilder gucken, die Nursery wird auf die Bühne gebeten, um mit Duplosteinen zu spielen.
Es wird eine Predigt gehalten, der Prediger rutscht auf einem Duplostein aus, rudert mit den Armen, um sein Gleichgewicht wiederzufinden, hört allerdings keine Sekunde auf, zu sprechen - nur geradeso um Luft zu holen. Amen!
Dann endlich sind wir dran. Ich halte eine ghanaisch emotionale Rede, dann improvisieren wir ein bisschen, ich singe einen selbst innerhalb von fünf Minuten noch schnell komponierten Partnerschaftssong und ein Lied auf Twi.
Die Eltern sind so begeistert, dass sie der Reihe nach alle ihre Kinder neben mich setzen oder stellen und Fotos schießen, als wäre ich David Garrett oder sonst irgendwer berühmtes. Die Anwesenden haben noch nie eine Geige live und in Farbe gesehen und vor allem die Kinder sind begeistert. Ohne zu Schubsen und zu Drängeln probieren alle, die wollen, einmal aus und stellen sich teilweise gar nicht so ungeschickt an.
Ich bekomme stellvertretend für meine alte Grundschule einen Haufen an Geschenken in die Hand gedrückt, die ich dann unter großem Nervenaufwand im Trotro nachhause transportieren muss.
Ich freue mich auf einen weiteren Tag Musik machen mit Josh, als Solomon mir mitteilt: wir fahren jetzt.
Interessenkonflikt. Ich will noch nicht fahren.
Aber da ich ja offensichtlich nicht in der Lage wäre, den Weg alleine zurück ins Studenthouse zu finden, muss ich nach langem Hin und Her, um eine ausartende Konfliktsituation zu vermeiden, dann doch die Heimreise antreten.
Josh is not happy, ich auch nicht.
Aber ich komme wieder. Um Musik zu machen und byebye zu sagen.
Sechs Wochen habe ich ja schließlich noch.

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Statusbericht:

Erste Feststellung: meine Ergebnisse aus dem krankenhäuslichen Labor sind über Umwege letztendlich doch in meine Hände gelangt und beweisen tatsächlich meine Genesung, auch wenn ich laut ihnen 47 Jahre alt bin. Da aber weder Laborant Patrick noch der Doktor um ein weiteres Gespräch gebeten haben und sich erstere Whatsappkonversation in religiösen Kettenbriefen verliert und letztere in nicht gewollten Annährungsversuchen, scheint es so schlimm ja nicht zu sein.

Zweite Feststellung: die ghanaische Gastfreundschaft ist wirklich nicht überschätzbar. Waren wir doch vor ca. sechs Wochen bei der Gastfamilie von Vicky zum Fufu-Essen eingeladen gewesen, machten wir uns gestern wieder auf den Weg nach Adenta - mit dem kleinen aber feinen Unterschied: Vicky war zumindest am Anfang nicht dabei, da sie schon seit einigen Wochen in Deutschland weilt. Später begegnete sie uns als ghanaische Reinkarnation in Form eines Hundewelpens, den ihr Gastbruder Kwasi angeschafft und nach ihr benannt hatte.
Wie drei verlorene Töchter wurden wir von der Gastmutter begrüßt und geknuddelt und mussten ihr versprechen, auf jeden Fall wiederzukommen. Schließlich wären wir jetzt eine Familie und ihr Zuhause auch unseres.

Erstes Wunder: Desmond, der Zehnjährige Großvater des Kindergartens, kann auf einmal schreiben und zwar ohne jegliche Hilfestellung, nicht spiegelverkehrt und Buchstaben, die tatsächlich existieren. Entweder hat er die gesamte Zeit nur so getan, als würde er keinen Salamander von einem Gnu unterscheiden können, oder meine täglichen Lehrversuche haben doch Früchte getragen.

Zweites Wunder: ich habe in der letzten Zeit auf einmal so viele Musiker mit eigenem Studio kennengelernt, dass ich vielleicht im Laufe der nächsten Wochen meine eigenen Songs aufnehmen kann. Allerdings erhoffe ich mir nicht zu viel - ein ghanaisches Versprechen besitzt leider allzu oft genauso viel Wahrheitsgehalt wie die Abgaswerte von VW.

Ereignis: ich habe es doch am Mittwoch endlich einmal geschafft, die Salsa-Night im Afrikiko zu besuchen. Diese berühmt-berüchtigte Veranstaltung, deren Hauptfokus eigentlich auf dem Tanzen liegt und somit meine begrenzten Fähigkeiten eher weniger anspricht, findet unter freiem Himmel statt. Zahlreiche Tische, Bars und Restaurants gruppieren sich um eine Fläche aus Holzbrettern, die zu jeder Sekunde des Abends vom tanzwütigen Volk besiedelt wird.
Getanzt wird hauptsächlich Salsa (mein Talent für diese Bewegungsart hat sich wohl so gut versteckt, dass ich es vermutlich erst in meinem nächsten Leben ausfindig machen werde), aber wenn es zu den Gruppentänzen kommt, ist jeder dabei. Auch wenn man keine Ahnung hat, wohin mit Armen, Beinen und Kopf, bewegt man sich mutig mit der Meute mit und hält mit Adleraugen nach der Person Ausschau, die wirklich weiß, was sie da tut. Weiß niemand, was er da gerade tut, wackelt man einfach ein bisschen mit dem Allerwertesten und hüpft auf der Stelle.

Katastrophe: das große Abreisen geht wieder los. Linda hat uns gestern schon verlassen und Caro wird am Montag die Heimreise antreten. Das ist so furchtbar, dass mir beinahe und ausnahmsweise mal die Worte fehlen. Me I don't like, würden die Kinder in der Schule jetzt sagen und so sehr mich diese Art von zerstückeltem und dreimal durch den Dreck gezogenen Englisch auf die Palme bringt, sehe ich das ganz genau so. Es gefällt mir ganz und gar nicht.
Aber wie heißt es so schön: man soll dann gehen, wenn es am Schönsten ist. Und wir sehen uns ja wieder. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, übermorgen oder nächste Woche, aber hundertprozentig sicher noch dieses Jahr.
Die drei Musketiere werden auch in Deutschland weiterleben.
Und das ist kein ghanaisches Versprechen.

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Asikam Humanitarian Mission 2017, 4.-6. März, Health Support Foundation, medical and educational team.
Das waren so ungefähr bis ziemlich genau alle Informationen, die wir am Donnerstag von William zu unserem bevorstehenden Wochenende bekamen und was uns (Joyce, Jana, Valle, Ina, Lena, Julia, Marie und ich) spontan dazu veranlasste, uns für etwas anzumelden, von dem wir gar nicht so genau wussten, was das überhaupt sein sollte.
Wo genau, wie genau, was genau wurde uns erst klar, als wir am Samstagmorgen mal wieder viel zu früh um halb sieben auf einem verlassenen Parkplatz im Militärviertel 37 standen.
Ich kann mir im Nachhinein nicht erklären, wie wir auf die haarsträubende Idee gekommen sind, dieses eine Mal unbedingt pünktlich sein zu müssen (obwohl wir nach deutscher Zeit trotz Games lebensgefährlich rasender Fahrkünste immer noch eine halbe Stunde zu spät gewesen wären) - alles, was ich zu unserer Verteidigung sagen kann ist prinzipiell...gar nichts. Fast fünf Stunden warten (auf die ca. 60 Teammitglieder, auf den Bus, auf eigentlich nichts, dann auf noch einen Bus, weil nicht alle in den einen passen) während man gespannt bis fasziniert dem kleinen Mann zuschaute, der in atemberaubender Höhe versuchte, ein Plakat anzubringen, waren wohl Strafe genug.
Zumindest wussten wir bei Antritt der großen Reise dann endlich ungefähr Bescheid, auf was wir uns da  eingelassen hatten.
Die Health Support Foundation, gegründet von unserem Leader James, veranstaltet vier Mal im Jahr eine dreitägige Hilfsaktion in Dörfern mitten in der Wildnis, die meist nur über kleine Bergsteigeaktionen oder das Wasser erreichbar sind und somit oftmals vor allem Probleme mit der medizinischen Versorgung und Bildung haben.
Bei Asikam, dem Dorf am Ende unserer Busfahrt in die Eastern Region, hatten wir jedoch Glück, da dieses sich zwar mitten im Regenwald ohne Elektrizität, Netz oder trinkbares Wasser befand, allerdings noch so gerade mit dem Bus erreichbar war, der jedoch schon zwischenzeitlich einige besorgniserregende Alterserscheinungen zeigte und kurzerhand mitten im Hang stehen blieb.
Dort würden wir nun die nächsten Tage medizinische Grundversorgung und Aufklärungsarbeit bezüglich Schwangerschaft, Verhütung und vor allem Wasser (die Einheimischen schöpfen und trinken das verschmutzte Wasser aus dem Fluss und werden von den zahlreichen Bakterien sehr krank) leisten, neue Unterrichtsmethoden für die Lehrer der Schule vorstellen, eine kleine Bücherei eröffnen und ein Volleyball- und Netballfeld bauen.
Das hörte sich doch gut und vor allem sinnvoll an.
Einen Kindergarten-Grundschul-Gesprächskreis (Händchenhalten inklusive) mit Ansagen, Beten und Singen später ging es dann endlich los!

Dort angekommen wurden wir sofort von einer Horde Kinder begrüßt, die überschwänglich auf uns zurannte und dann mit einem Sicherheitsabstand von einigen Metern erst einmal stehen blieb.
Obrunis! Den skeptischen Blicken nach zu urteilen, hatten die Wenigsten von ihnen schon einmal weiße Menschen gesehen und waren sich noch nicht ganz so sicher, was sie von diesen fremdartigen Wesen halten sollten.
Als die einzigen Nicht-Ghanaer in einer ausschließlich ghanaischen Organisation kamen wir uns anfangs selbst ein bisschen fremd vor aber - hoch lebe die hiesige Offenheit - war damit ganz schnell Schluss.
In einer komplett chaotischen Aktion wurden die Busse ausgeräumt und die Zelte aufgebaut.
Chaotisch heißt: zehn Mann werkeln an einem Wurfzelt herum, während sich zwei weitere mit großer Mühe in einem 12-Mann-Zelt verheddern, weil sie sich weigern, die Anleitung zu benutzen. Irgendetwas läuft da falsch...
Mit vereinten Kräften steht dann letztendlich doch alles, wird jedoch mit keinem einzigen Hering befestigt - wozu auch?
Glücklicherweise können wir gerade noch durchsetzen, dass das Überzelt über unsere Schlafstätte geworfen wird, denn prompt fängt es an, zu gewittern.
Sturm, Blitze, Donner und ein Regen, der einem Wasserwerfer alle Ehre machen würde. Jana, Valle und ich ziehen, während alles in die überdachte Schule flüchtet, unsere Schuhe aus und spielen mit den Kindern aus dem Dorf Fußball. Nun gut, vielleicht rennen Jana und ich auch nur in Ermangelung jeglicher Fußballkenntnisse ein bisschen verrückt über die Wiese.
Die nicht befestigten Zelte müssen, nachdem sie beinahe weggeflogen sind, wieder abgebaut werden.
Die Apokalypse ist nach einer halben Stunde vorbei; Bestandsaufnahme: alles Gepäck hat sicher seinen Weg in die Klassenräume gefunden, die Zelte sind alle nass und schlammig und wir genauso. Unserer guten Laune tut das trotzdem keinen Abbruch.
Ein Regenwald ohne Regen wäre ja nun auch komisch gewesen.

Während die anderen sich das Dorf anschauen, versuche ich das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, was gar nicht mal so einfach ist, denn nur die Älteren  (ab geschätzt 12 Jahren) sprechen und verstehen Englisch. Der Rest ausschließlich Twi. Mit meinen kümmerlichen Wie geht's dir? - Gut - Wie heißt du? - Ich heiße Laura. - Bitte - Danke - Ja - Nein - Kenntnissen kommt man da nicht ganz so weit.
Also schauen und lächeln wir uns erst einmal nur vorsichtig an, bis ich anfange,  ihnen zwei Klatschspiele zu zeigen. Aus anfänglichem verdutzt und verunsichert gucken wird schnell Neugier und innerhalb weniger Minuten habe ich einen ganzen Schutzwall an Kindern um mich herum, die eifrig Simamaka und Aramsamsam singen und klatschen. Später kommen sogar die Dorfältesten vorbei und machen kurzerhand mit.
Musik ist die Sprache der Seele und drückt das aus, was Worte nicht sagen können. Auch wenn man aus vollkommen verschiedenen Kulturkreisen kommt und nicht dieselbe Sprache spricht, hilft Musik dabei, Verständnis zu schaffen.
Über diese erneute Bestätigung meiner Ansicht bin ich so glücklich, dass ich das Banku zum Abendessen ohne Murren verspeise und beinahe genieße und sogar die Nacht im Zelt, die ohne Isomatte oder ähnliches genauso kalt, wie unbequem ist, obwohl oder möglicherweise, weil wir so nah aneinander liegen, dass jeder Umdrehversuch entweder scheitert oder zu einer Dominoaktion ausartet, tapfer überstehe.

Am nächsten Morgen gibt es keine Gnade. Der liebliche Klang einer Trillerpfeife lässt unser Trommelfell schier zerspringen und als wir noch nicht ganz geistig anwesend aus der Zeltöffnung krabbeln, erblicken wir den Verursacher dieser grauenhaften Ruhestörung: Ranger. Im Army-Outfit und mit militärischer Disziplin, obwohl er eigentlich Bänker ist, lässt er uns alle zum Appell antreten und veranstaltet ein morgendliches Workout, nach dem jeder einzelne Muskel des Körpers wach ist oder es zumindest sein sollte.
Nach einem quasi brotlosen Frühstück, da irgendein Heinzelmännchen über Nacht unsere Vorräte angeknabbert hat, gehen die Vorbereitungen los.
Wir spazieren zur Wasserstelle, wo James uns seinen Plan erläutert: wir müssen den Einheimischen klar machen, dass sie ihr Trinkwasser zuerst abkochen und dann durch mehrere Lagen an Stoff filtern sollen, um bakterielle Infektionen zu vermeiden. Schön und gut, allerdings bezweifel ich, dass sie sich wirklich die Mühe machen werden und alles, was sie trinken wollen, zuerst umständlich abkochen werden. Zumindest nicht immer.
Ein nächstes Projekt wäre diesbezüglich ein funktionierender Brunnen.
Wir sehen, dass das Dorf fast ausschließlich von Farmarbeit (vorzugsweise wird Cassava angebaut, eine Wurzel, aus der man hier Fufu stampft) und der Jagd lebt.
Wir kehren zurück in unser provisorisch errichtetes Camp und machen uns daran, die Kleiderspenden zu sortieren. Ich finde Ballkleider und Glitzerschuhe mit Bleistiftabsatz - wer kommt denn bitte auf die Idee so etwas an ein kleines Dorf mitten im Regenwald zu spenden?
Bernard, Arzt und Leiter unseres medizinischen Teams, dem wir uns zugeteilt haben, erklärt uns die Bedeutung der unterschiedlichen Medikamente, die wir aus zahlreichen Plastikkisten hervorkramen und sortieren.
Anibiotika gegen Malaria, Paracetamol, Salbe gegen eine Pilzinfektion der Kopfhaut, die bewirkt, das den Kindern fleckenweise die Haare ausfallen, Tabletten gegen Bluthochdruck, der hier weit verbreitet ist, da oft genetisch bedingt und vieles mehr.
Mitten auf der Wiese bauen wir unser kleines Krankenhaus auf. Doctor, ENT (Ears, Nose, Throat), Lab, Pharmacy.
Es hat tatsächlich alles eine Struktur und man merkt, dass die anderen schon ein eingespieltes Team sind.
Ich werde dem Labor zugeteilt, wo ich meinen Arbeitspartner Duncan, dem wohl einzigen Ghanaer, der vorzugsweise den Messias von Händel singt, sich mit mir über klassische Musik unterhält und auch sonst eigentlich im Labor arbeitet, kennenlerne.
Während das educational team Tische und Bänke nach draußen schleppt und mit seinem Programm anfängt, hoffe ich, dass ich trotz nicht vorhandener medizinischer Grundkenntnisse irgendwie hilfreich sein kann.

Mit angemessen ghanaischer Verspätung eröffnen wir das Krankenhaus.
Unter einem provisorisch errichteten Bambus-Baldachin warten die ersten Patienten und werden über Zahnhygiene, Trinkwasser und Verhütung, sowie das gesamte Prozedere des Tages aufgeklärt.
Dieses läuft folgendermaßen ab: der Patient spricht mit dem Arzt, bekommt einen Zettel mit Namen, Patientennummer und vom Labor benötigten Tests, durchläuft einen Hals-Nase-Ohren-Tests und kommt dann zu uns ins Labor. Danach geht es mit den Ergebnissen noch einmal zum Arzt und dann zur Apotheke.
Ich habe die Aufgabe, die Patienten aufzunehmen (Datum, Nummer, Name, Geschlecht, Alter), Duncan darüber zu informieren, welche Tests benötigt werden, die er dann ausführt und deren Ergebnis ich zuerst überwache (vor allem die Malariatests, die auch noch sehr späte Reaktionen aufzeigen können) und dann protokolliere.
Malaria (positiv oder negativ), Hämoglobin (wie viele rote Blutkörperchen sich im Blut befinden) und Glucose (Blutzucker), sind die Werte, die bei uns kontrolliert werden.
Die meisten Dorfbewohner sind noch ziemlich eingeschüchtert von der gesamten Situation und den komischen Menschen in blauen und weißen T-shirts, die ihnen in den Finger pieksen, um ihr Blut in kleine Apparate einzuführen, aber ich bin doch überrascht, wie viele von ihnen kommen, um mit einem Arzt zu sprechen.
Als wir am Ende des Tages Bilanz ziehen, sind wir ein wenig geschockt. 16 von 61 Malaria-Tests waren positiv, 26%, mehr als ein Viertel, davon drei kleine Kinder.
So viele seien das normalerweise nicht, meint Duncan.
Nichtsdestotrotz konnten wir alle behandeln, die wollten und auch die anderen Arbeitsgruppen sind zufrieden. Ekem hat einigen Frauen aus dem Dorf gezeigt, wie man Perlenschmuck macht, den sie dann in der Stadt an der Grenze zum Regenwald verkaufen können, Volleyball- und Netballfeld stehen und auch das educational team hat ganze Arbeit geleistet.
Schnell wird alles eingepackt, da schon die nächsten Regenwolkem bedrohlich am Himmel rumoren.

Glücklicherweise zieht das Gewitter vorüber und wir können den Abend draußen verbringen.
Ich singe mit den Kindern und spiele Blockflöte für sie, die ich irgendeiner Eingebung folgend in meinen ohnehin schon zu vollen Rucksack gepackt hatte.
Ekua und Erica, meine zwei kleinen persönlichen Schatten, folgen mir auf Schritt und Tritt und obwohl ich kein Wort von dem verstehe, was sie mir sagen (außer etwas, das sich so anhört wie krukulu me und Nimm mich auf den Arm bedeutet), verstehen wir uns ohne Worte.
Faszinierenderweise nennen mich nach kurzer Zeit alle Kinder Sister Ekua (mein ghanaischer Name) - das obruni wurde schnell vergessen.
Während es dämmert bringen uns Mame, Duncan und Ernesto einige Gospelsongs bei, die wir dann mehrstimmig und mit großer Begeisterung von uns geben.
Dann: Kriegsrat am Lagerfeuer. Es werden Reden geschwungen, Rèsumè gezogen und Kuchen gegessen, da Barbara und Vic Geburtstag haben.
Urplötzlich wird aus dem Nichts ein Projektor hervorgezaubert und wir schauen auf der schmutzigen Schulwand Me before you. Glücklicherweise gibt der Laptop kurz vor dem traurigen Ende seinen Geist auf.
Ich beschließe, einmal keinen Schlaf zu haben, ist immer noch besser, als sich im kalten Zelt den Rücken zu brechen, und bleibe deswegen den Rest der Nacht mit Abraham, dem Kameramann des Dokumentationsteams, der eigentlich beim Militär ist, wach, lausche den Geräuschen des Regenwaldes und erfinde Sternzeichen.

Der letzte Tag geht viel zu schnell vorbei.
Wir beobachten unsere Jungs, wie sie sich ein Fußballspiel mit den Einheimischen liefern und übergeben ganz offiziell das Volleyballfeld, die Bücherei und die Kleiderspenden.
Irgendwie habe ich ein Talent dazu, immer an der falschen Stelle zu stehen, denn kurzerhand werde ich an einem Arm mitgeschleift und stellvertretend für unser Team Deutschland den wichtigen Persönlichkeiten des Dorfes vorgestellt.
Viel zu schnell sind wir fertig.
Ich würde so gerne noch länger da bleiben und noch mehr helfen. Die Kinder sind so dankbar für alles, was man ihnen gibt und ich hätte noch so viel mehr zu geben.
Ich kann mich kaum von Erica und Ekua losreißen, die Valle und mir noch bis ins Dorf hinterherlaufen, wo uns der Bus mit den restlichen Insassen aufgabelt und auch von Esther, einem 17jährigem Mädchen, die schon jetzt mit ihrem zweiten Kind schwanger ist, fällt der Abschied schwer.
Als wir bei erneut strömendem Regen in Accra ankommen, merkt man kaum, dass eigentlich Independence Day ist - 6.März 1957, der wichtigste Feiertag in Ghana!
Stattdessen unterliegt das Studenthouse mal wieder einem kompletten Stromtotalausfall und während ich in unserem dunklen Zimmer sitze, frage ich mich, wie viel unsere Hilfsaktion in Asikam wirklich gebracht hat.
Natürlich waren wir den Einheimischen für einen kurzen Moment, diese knapp drei Tage, eine große Hilfe, aber wie sieht es auf längere Sicht aus?
Wer kümmert sich dann um die Kranken?
James sagt, er will noch einmal wiederkommen. Irgendwann, vielleicht.
Bis dahin kämpft das kleine Dorf weiterhin um sein Überleben und wird sich vielleicht noch lange an die Tage erinnern, an denen eine Gruppe von Menschen in blauen und weißen T-shirts die Dorfidylle gestört und Gutes getan hat. Und vielleicht wird man sich dann auch an das erinnern, was wir zu sagen hatten und langsam aber sicher anfangen, danach zu leben.

An dieser Stelle einen ganz herzlichen Dank an Valle, der mir liebenswürdigerweise seine wunderbaren SchwarzWeiß-Aufnahmen nicht nur kontinuierlich gezeigt, sondern auch zur Verfügung gestellt hat - dafür durftest du Sonntagnacht gerne meine Decke haben (Erfrorene machen ja bekanntlich nicht so gute Fotos).

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Gestern beim Abendessen im Studenthouse, Esstisch, anwesend alle Freiwilligen, die nicht im Norden sind, William und Sofia, seine Feundin
William (räuspert sich): Alright, guys, ok, ähm...
Anwesende hören auf zu essen, warten gespannt, da dies meist die einleitenden Worte für eine wirklich wichtige Mitteilung sind
William: I have some important news to tell you.
Kunstpause.
The wife of the chief from Nungua passed away a few days ago so nobody is allowed to go outside after 7pm from Monday to Sunday. Otherwise it is going to be dangerous.

Das war insofern verstörend, dass es Mittwoch Abend war und wir die letzten zwei Tage ganz sicher auch nach 7pm noch draußen gewesen waren. Aber manche Informationen werden eben nur via Buschfunk übertragen und dauern daher ihre Zeit.
Leicht panisch schaue ich auf die Uhr - ich muss unbedingt noch Wasser kaufen. Glück gehabt, das passt gerade noch so.
Curfew - Ausgangssperre heißt das ganze Unterfangen und wurde bis heute Mittag eigentlich von niemandem als reale Bedrohung eingestuft.
Bis es dann heute in der Schule hieß: morgen ist keine Schule, ihr müsst alle den ganzen Tag im Haus bleiben bis am Samstag der Chief begraben wird, ansonsten werdet ihr umgebracht.
Bitte? Zuerst einmal, hat nun der Chief oder die Frau vom Chief das Zeitliche gesegnet? (William teilt uns später mit: weder noch. Es handelt sich bei dem Toten um irgendeinen Landlord - very serious) Und dann, jetzt wirklich? Aber warum?
Weil es sehr gefährlich ist. Ja, und warum? Die Erklärung, die mir dazu von verschiedenen Quellen gegeben wurde, ist ein wenig abenteuerlich. Der Teil, der auf einer rationalen Ebene noch einigermaßen nachvollziehbar ist, lautet folgendermaßen: in den Zeiten der Ausgangssperre ziehen Angehörige oder sonstig mit dem Chief in Kontakt stehende Personen durch die Straßen, um traditional stuff zu veranstalten. Was genau man darunter jetzt zu verstehen hat weiß niemand so genau und einfach so nachgucken, würde einem im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf kosten.
Was uns zu dem Merkwürdigeren Teil der Geschichte bringt: der Chief oder Lord oder wer auch immer soll angeblich einem uralten Ritual folgend mit Menschenköpfen begraben werden. Diejenigen, die sich trotz der Ausgangssperre noch draußen befänden, sollen dafür getötet und enthauptet werden. Zuerst habe ich das für einen Scherz gehalten, aber nachdem mir mehrere Ghanaer unabhängig voneinander versicherten, dass es genauso wäre und sogar William bis Sonntag nicht gedenkt, das Haus zu verlassen, komme ich zu dem Schluss, dass man hier wirklich daran glaubt. Es erinnert ein wenig an The Purge - Anarchy, einigen dürfte dieser Filmtitel ein Begriff sein. Fest steht auf jeden Fall, dass jeder, der sich während der curfew auf der Straße aufhält, ohne rechtliche Konsequenzen verletzt oder einfach in Untersuchungshaft gesteckt werden darf.
Also bleibt man doch lieber mal zuhause - in Ghana ist schließlich alles möglich und wenn ich so genau darüber nachdenke, verspüre ich keine allzu große Lust, die restliche Zeit in Ghana als fast kopflose Laura durch die Gegend zu schweben.

Was sonst noch so geschah...
Heute habe ich in der Schule zwei Dinge gelernt.
Erstens bin ich laut Margaret ein dreieckiger Mensch (siehe beispielhafte Tafelzeichnung) und zweitens ist heute der ghanaische Fruit Day.
Das bedeutet ungefähr so viel, dass alle Kinder irgendeine Frucht mit in die Schule bringen (dieses Mal Banane, Orange, Blackberry und Mango im Repertoire) und Madam Loria diese dann in so kleine Schnipsel schneiden muss, dass jedes Kind von jeder Frucht ewas abbekommt. Den ganzen Tag werden die Früchte gezeichnet, gemalt, geworshipt und ich erfinde einen Fruit-Song.
Das war so schön, dass ab jetzt jeder Donnerstag ein Fruit Day sein soll, beschließt Madam Theresa.
Den nächsten Donnerstag schnibbelst du, beschließe ich.

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Liebes Tagebuch,
heute habe ich festgestellt, dass ich eine ernstzunehmende Abneigung gegen abbrechende Bleistifte und, wo wir gerade schon dabei sind, Blogeinträge hege, die mit den Worten Liebes Tagebuch beginnen.
Aber nunja, aller Anfang ist ja bekanntlich schwer.
Seitdem nach dem Mid Term Break, der meiner Ansicht nach nur eine Erfindung unserer lieben, nicht gerade arbeitswütigen Lehrerschaft war, nun das dicke Baby von Madam Theresa krank ist, heißt es nun: hütet den Flohzirkus alleine.
Gnädigerweise wurden wir tatsächlich gefragt, ob das denn auch okay für uns sei - nein, natürlich nicht, ich hasse kleine Kinder und das ghanaische Schulsystem sowieso, oder welche Antwort wurde darauf erwartet? - und dann erleichtert allein gelassen.
Man sollte es nicht glauben, aber wir haben tatsächlich etwas gelernt. Die Kinder die Wochentage mit dazugehörigen Liedern, die Zahlen von 1-10 (also richtig und nicht nur auswendig aufgesagt), einige Buchstaben, Größenunterschiede und hoffentlich, dass man mit Bleistiften weder ein Trommelkonzert noch eine imitierte Schlägerei zum Besten gibt - Selma und ich, dass unsere Nerven immer noch ein Drahtseil mehr, als erwartet, aufweisen und die Kleinen selbst zum Klang von Gute-Nacht-Liedern nicht einschlafen wollen, wenn es denn dann Zeit ist.
Heute ist mein 108. Tag in Ghana (nein, das ist keineswegs ein besonderes Datum, ich bin nur gerade heute auf die dämliche Idee gekommen, unbedingt wissen zu wollen, wie lange ich nun schon hier bin) und im Rückblick habe ich wirklich schon viel erlebt. Vieles wird noch folgen, da bin ich mir sicher.
Seit circa vier Tagen bin ich aus sich mir noch nicht so ganz erschließenden Gründen wieder komplett gesund - zumindest fühlt es sich so an - und ich hoffe inständig, dass mein Check up - Besuch im Lekma diese Woche genauso schnell abgefrühstückt sein wird, wie das Assembly in der Schule, wenn keiner der Lehrer Lust hat, etwas zu tun oder ein Gespräch mit Game, wenn es beginnt zu regnen und seine Wäsche noch draußen auf dem Stacheldraht hängt.
Nur einen Wimpernschlag später...
Dann werde ich mich weiterhin an meiner Abneigung gegen Krankenhäuser erfreuen (ja, ich wollte tatsächlich einmal ernsthaft  Medizin studieren) und hoffentlich nie wieder einen Fuß in das Gebäude setzen, das von außen einem Krankenhaus so sehr ähnelt, wie ein Fußball einem Mückenstich.

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Existenzkrise am Samstagnachmittag.
Wir betreten die Lincoln School in der Nähe von 37, dem Militärviertel und sind erst einmal platt.
Hinter dem gut security-bewachten Eingang liegt ein Schwimmbecken. Ein echtes, mit Startblöcken, Trennleinen und sogar Wasser drin. Dahinter ein Fußballfeld (die Wiesenedition) mit Toren (der Netz - special effect inbegriffen).
Dann eine große Sporthalle/Aula, überdacht mit Tribüne, Basketballkörben und erhöhter Bühne.
Wo sind wir hier?
Leicht verstört bis fasziniert erspähen wir einen verwuschelten, blonden Lockenkopf, der über einem viel zu kleinen Kontrabass hervorragt. Kontrabass? Wir haben richtig gesehen. Ein ganzes Orchester baut sich vor unseren Augen auf und schlagartig fällt uns der eigentliche Grund unseres Besuches ein: Ludwig van Beethoven. Nun gut, vielleicht sieht er auch nur so aus, wie der gute Herr in jungen Jahren. Der blonde Lockenkopf bewegt sich auf uns zu, um uns zu begrüßen.
Musiker ohne Grenzen. Eine Organisation, von der ich mir gewünscht hätte, sie vorher schon kennengelernt zu haben, denn die Projekte dort scheinen wie für mich gemacht zu sein.
Ludwig gibt in einem Waisenhaus Cellounterricht, einige andere Freiwillige Geigen- und Bratschenstunden und schon hat man ein Orchester beachtlichen Ausmaßes. Dazu noch ein Chor und eine kleine Band.
Seit Monaten hat diese Konstellation nun zusammen geprobt und geackert, um schlussendlich das Dschungelbuch auf die Bühne zu bringen. Der Soundtrack gepaart mit Schattentheater; der luxeriöse Aufführungsort wurde von den Leitern der Schule, die sich hier aus genannten Gründen nur die Elite der Elite leisten kann, gesponsort. Wasser und Kekse für die Gäste inklusive.
Gespannt warten Caro, Joyce, Jana, Pauli, Renèe, Valentin (das seit neustem einzige männliche Wesen unter den Freiwilligen) und ich auf den Beginn der Vorführung und werden tatsächlich nicht allzu lange auf die Folter gespannt. Mit beinahe deutscher Pünktlichkeit beginnt der ganze Spaß nur eine Viertelstunde später als ursprünglich angedacht.  Beeindruckend, finden wir. Chillig, findet Valentin.
Wehe, ihr habt irgendwelche Erwartungen, hat Caro uns Stunde um Stunde eingetrichert, da das gesamte Unterfangen aufgrund ihrer Freundschaft zu Ludwig ihre Idee gewesen war.
Wehe, du sagst diesen Satz noch einmal, haben wir augenverdrehend Stunde um Stunde zurück gedroht.
Und jetzt ist es soweit.
Eine Ansage nach der anderen, unter anderem die eines ehemaligen Bewohners des Waisenhauses, Anfangsgebet und dann leiten die Klänge des Palladios von Karl Jenkins  (in vereinfachter Version) das Konzert ein.
Eine Tänzergruppe bewegt sich auf die Bühne und performt The lion sleeps tonight. Dann hüpft Mogli mit Baghira über Stock und Stein, die Schlange Kaa versucht Vertrauen aufzubauen, die Elefanten marschieren, Balu probiert's mal mit Genütlichkeit, King Louie wäre so gern wie du, Shirkan hegt Mordgedanken und die Geier suchen nach Freunden.
Die rührende Abschiedsszene, in der Mogli den Dschungel aufgrund eines Mädchens verlässt, zaubert mir, wie so vieles an diesem Abend, eine Gänsehaut auf den ganzen Körper.
Ein bisschen traurig trotte ich den anderen auf dem Heinweg hinterher. Ich vermisse meine Musikmenschen und ärgere mich, nicht auf die Organisation Musiker ohne Grenzen gekommen zu sein.
Aber auf der anderen Seite hätte ich dann so viele tolle Menschen nicht kennengelernt.
Keine Joyce, keine Caro, keine Lina, keine Sofie, keine Jessie, Jule oder Toni, keine  Vicky, keine Jana, Helenchen oder Nikolausi, keine Elli, kein Game, Chichi oder Valentin.
Und am Allerwichtigsten: ich hätte mich selbst nicht richtig kennengelernt.
"Ein Stück weit macht man Freiwillgenarbeit ja auch für sich selbst," hat gestern jemand zu mir gesagt und ich bin geneigt diesem jemand zuzustimmen. Ich habe hier, vor allem aufgrund all' dieser tollen Menschen, erst begriffen, wer ich wirklich bin und was ich will.
Und das ist in den Grundzügen so allgemein gefasst und generell gesagt doch das Allerwichtigste.

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