Ich sitze am Schreibtisch und schaue aus dem Fenster. Nieselregen, ein furchtbarer Tag. Seitdem ich vor vier Tagen hier angekommen bin, habe ich ungefähr nichts getan außer sitzen, liegen, die Wand anstarren und hoffen, dass ich träume. Dass ich einen Alptraum habe und mich gleich irgendjemand an der Schulter rüttelt und ins Leben zurückholt. Doch nichts dergleichen geschieht. Bis jetzt, vielleicht kommt das ja noch.

Ich wurde schon von mehreren gefragt, ob es das jetzt war, ob Mekka ist Richtung Tamale mein letzter Blogeintrag war, ob da noch etwas käme, es könne doch jetzt nicht einfach so zuende sein.

Die traurige Wahrheit ist: es war einfach so zuende. Sechs Monate, wie ein Wimpernschlag vergangen, verstrichen, im Netz der Zeit verloren gegangen, durch die Maschen gefallen und einfach viel zu kurz gewesen.

Dennoch werde ich keinen Abschiedsartikel schreiben, in dem ich mich bei allen bedanke, die mich immer tat- und wortkräftig unterstützt und an mich geglaubt haben, in dem ich beschreibe, was ich alles vermissen werde, was ich niemals gedacht hätte, was aber dennoch passiert ist, denn das würde bedeuten, dass es wirklich vorbei ist und das stimmt nicht. Es fühlt sich nicht so an.

Ob ich es wollte oder nicht - ich habe mich langsam aber sicher verliebt. In das Land, seine Leute, seine Laute und Landschaften und habe mein Herz, irgendwo zwischen Gastfreundschaft und Trotros zurückgelassen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass ich wiederkommen und es suchen werde. Eine kurze Pause vom Leben, weil ich nach Deutschland zurückkehren musste, um das zu tun, was man vernünftige Lebensplanung nennt. Aufnahmeprüfung bestehen, umziehen, studieren. Vernünftig sein. Mit dem Konzept Vernunft kann ich gerade herzlich wenig anfangen. Aber was macht das schon? Ghana hat mir gezeigt, wer ich bin, dass ich alles erreichen kann, was ich will und auch wenn das etwas Verrücktes ist - dann haben die Leute wenigstens etwas zu reden.

Also werde ich mich hiermit nicht verabschieden. Es gibt noch vieles, das ich euch über Ghana berichten kann und es wird nicht allzu lange dauern, dass ich wieder zurückkehre. Heimkehre.

Zum Ende hin möchte ich eine kurze Anekdote zum Besten geben:

Ein weiser Mann fuhr mit dem Zug in eine weit entfernte Stadt, um einige Freunde zu besuchen. Als diese ihn am Bahnhof antrafen, saß er lediglich schweigend und mit geschlossenen Augen auf dem Boden und rührte sich nicht. Sie fragten ihn, was er da tue und er antwortete ihnen: Ich bin weit gereist, mit einem Fortbewegungsmittel, das schneller ist, als ich denken kann. Mein Körper ist letztendlich angekommen, nun warte ich, bis auch meine Seele nachgekommen ist.

Meine Seele stellt sich geschickter an. Sie wartet geduldig am Katoka International Airport in Accra darauf, dass ihr Körper wiederkehrt.

Likes

Comments

oder warte...eigentlich liegt Mekka auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Vom 13. April bis zum 23. April fahren wir in den Norden. Das hatten Jana und ich schon ganz unghanaisch seit Januar, seitdem die Schulferien feststanden, beschlossen und eine ganze Zeit lang wurde daran wenig gerüttelt. Die Aussage stand so im Raum, wie ein Meilenstein in der Zeit, in ferner Zukunft und außer gelegentlichem Gemurmel, man müsse ja nun langsam mal was planen, passierte nichts.
Dann auf einmal ziemlich viel.
Joyce und Josie entschlossen sich dazu, unserer Expedition beizuwohnen, was letztendlich den Ausschlag für ein großes Reisetreffen gab.
Ausgerüstet mit Reiseführer und Landkarte waren wir hinterher nicht schlauer als vorher. Wir wussten, dass wir am Freitag einen Bus von Accra nach Tamale, der Hauptstadt der Northern Region, nehmen und Larabanga, Mole, Wa, Kumasi und Lake Bosumtwi ansteuern wollten.
Keine Unterkünfte, keine Reiserouten, kein gar nichts. Da niemand allzu große Lust verspürte, daran etwas zu ändern, wurde das einfach so gelassen, die Planung für beendet und begraben erklärt und einfach so ins Blaue hineingefahren.
Passend zu unserer Vorbereitung wurden die Rucksäcke am Tag unserer Abreise gepackt und dann hieß es: auf in den Norden. Lea hatte sich noch spontan unserer Reisegruppe angeschlossen und so trudelten wir zu fünft pünktlich um fünf Uhr nachmittags an der ZiegenBusstation am Circle ein - und wurden promt von dem freundlichen Ticketverkäufer ausgelacht, der Josie noch einen Tag vorher versichert hatte, wir müssten zwingend schon um 5pm da sein, obwohl der Bus erst um 6pm losfahre. Boarding und so weiter.
Pustekuchen!
Nichtsdestotrotz setzt sich unser Gefährt pünktlich um 6:07pm in Bewegung und die 13-stündige Busfahrt nach Tamale begann.

Dort am nächsten Morgen mehr oder weniger ausgeschlafen angekommen, werden wir von dem typischem Gebrüll erwartet, mit dem das ghanaische Männchen seine Diskussionsbereitschaft zeigt. Ein Taxifahrer erkennt seine Chance, nutzt einen unaufmerksamen Moment und fischt uns aus dem Getümmel heraus.
Where are you going? Gute Frage, nächste Frage. Das wissen wir selbst nicht so genau. Larabanga? Ja gut, wieso eigentlich nicht? There is a bus, but we have to hurry! Unter allerlei Hektiksbekundungen stopft er unser Gepäck in seinen viel zu kleinen Kofferraum mit obligatorischem Rostloch und wir brausen davon. Wir brausen für ungefähr zwei Minuten bis wir an einem anderen Busbahnhof aus allen Türen fliegen. Natürlich war die Hektik vollkommen umsonst. Ein nicht gerade seriös aussehender Mann beteuert zwar, dass any moment from now ein Bus nach Wa, der uns an unserem Zielort rausschmeißen würde, ankommen und abfahren würde, aber tatsächlich warten wir mehr als eine Stunde bis das besagte Fortbewegungsmittel erscheint und noch einmal mehr bis es losfährt, denn wir haben ein Problem. Alle verfügbaren Sitzplätze wurden an Passagiere verkauft, acht davon, sowie der Boden, werden jetzt allerdings von Reis- und Salzsäcken, sowie einem Kühlschrank samt Gefriertruhe belagert. Nunja, was soll man machen? Was mit muss, muss mit und da hilft auch das ganze Genörgel der um ihre Plätze betrogenen Fahrgäste nichts.
Eine halbe Ewigkeit später setzen wir uns in Bewegung und ich nehme den Norden durch das geöffnete Fenster in mich auf.
Alles sieht so anders aus. In der Stadt fahren kaum herkömmliche Taxis, sondern eine Art dreirädrige Rikscha mit Motor, die Landschaft ist viel mehr von der Natur geprägt und gibt an allen Ecken und Enden die Sicht auf die regionstypischen Lehmhütten mit Strohdach frei.
Wir fahren stundenlang nur geradeaus und als wir dann doch abbiegen, haben wir unseren Zielort beinahe erreicht: Larabanga.

Wir stolpern aus dem Bus und erleiden einen Gehörsturz. Mindestens zehn verschiedene Stimmen reden eindringlich auf uns ein, wollen uns zum Nationalpark fahren oder eine Unterkunft andrehen.
Unterkunft klingt prinzipiell schon einmal gut, nur welche? Wir entscheiden uns für den Typen mit Hut, rosafarbenem Tanktop und Ohrring. Der sieht gut aus, befindet Lea. Muni. An seiner Kette baumelt ein Kamel. Er bringt uns zu einer Art Waisenhaus, das eigentlich eher der Wohnkomplex einer Großfamilie ist, die viele elternlose Kindet aufgenommen hat und jetzt dafür spart, ein richtiges orphanage betreiben zu können. Ibrahim, der Leiter des Ganzen, bietet uns an, auf Spendenbasis auf dem Dach zu schlafen und dafür die Kinder ein wenig zu bespaßen. Nichts leichter als das.
Wir lernen, dass Larabanga zu 100% muslimisch ist und die älteste Moschee Ghanas, wahrscheinlich auch Westafrikas, aufweist. Laut einer Sage soll sie sich im Jahre 1421 selbst gebaut haben und wird als das Mekka Ghanas gehandelt. Betreten dürfen wir das Wunderwerk dennoch nicht, denn wir sind weder Muslime noch über 50 Jahre alt, was aber gar nicht mal so schade ist, denn der Blick von außen auf das weiße Gemäuer mit den herausragenden Holzstäben, ist schon imposant genug.
Wir schlendern durch das Dorf, essen Fufu, schauen der Herstellung von Shea Butter zu und spielen mit den Kindern, die uns später zu der Wasserstelle des Dorfes geleiten. Selbst die kleinsten tragen volle Wassereimer ohne Zuhilfenahme der Hände auf dem Kopf, während wir schon an einem leeren Kanister scheitern.
Als uns eine Gruppe Jungs nach einem Fußball fragt, da ihr alter kaputt gegangen sei, kaufen wir ihnen einen Neuen und begleiten sie zu ihrem Fußballfeld, wo dann auch sogleich ein Spiel mit den obrunis angefangen wird.
Als die Sonne untergeht begeben wir uns auf den Heimweg und klettern nach dem Essen todmüde auf unser Dach, was gar nicht mal so einfach ist, denn an der Wand lehnt nur ein einfacher Holzstab, in den jemand ein paar Kerben hineingesägt hat.
Die ungewohnte Hitze - hier ist es viel wärmer und trockener als in Accra - und die langen Fahrten haben doch mehr geschlaucht, als gedacht.
Im Licht der Sterne schlafen wir ein.

Wir schlafen nicht aus. Nun gut, was heißt schon ausschlafen, aber wir schlafen zumindest nicht so lange, wie wir könnten. Passend zu einer vollkommen muslimischen Kommune ruft der Muezzin zum Gebet.
Natürlich ruft er nicht dann, wenn man normalerweise aufsteht (so gegen 6am), sondern zur nachtschlafenden Zeit um 4am.
Natürlich ruft auch nicht nur ein Muezzin, sondern gleich zehn (zu jeder Moschee im Umkreis von 100 Metern einer) und das brav und geordnet nacheinander.
Eine schöne Art, geweckt zu werden.
Um sechs steht Ibrahim mit einem beinahe ordentlichen Auto vor dem Dach und ruft uns zu, er würde uns jetzt nach Mole fahren.
Safari! Lea dreht schier durch vor Aufregung.
Mole ist ein riesiger Nationalpark nur 6km entfernt von Larabanga, der für seine Elefanten bekannt ist, was auch unsere Motivation war, diesen Abstecher zu wagen. Man hätte auch im Park selbst übernachten können, wenn man denn spontan im Lotto gewonnen hätte. Wir lernen, dass eine Nacht in der sogenannten Zayna Lodge 400$ kosten soll und für eine Portion Fufu (auf der Straße 2-3 Cedi) unverschämte 200 Cedi verlangt werden. Vielleicht ist es mit Blattgold verziert...
Gespannt warten wir mit einigen anderen Touristen (so viele Weiße auf einem Fleck habe ich lange nicht mehr gesehen) auf unsere Guides. Die zweistündige Fußsafari soll um 7am beginnen und wir kommen tatsächlich beinahe pünktlich los. Man merkt: hier wird mit europäischen Uhren gearbeitet; wahrscheinlich, um die reichen Urlauber nicht zu verärgern.
Unser Guide wirkt noch ein wenig verschlafen, als er sich uns vorstellt, aber er verspricht, sein Möglichstes zu tun, damit wir Elefanten sehen und das ist ja die Hauptsache.
Wir werden nicht lange auf die Folter gespannt. Nach ca. zehn Minuten und einem trägen Krokodil, das von uns liebevoll Rufus getauft wird, entdeckt Jana unseren ersten Elefanten.
Viel größer als erwartet ragt er auf der anderen Seite des Wasserlochs auf, in dem er jetzt zum Baden und Trinken verschwindet. Sofort werden Fotoapparate gezückt und geknipst.
Leise umrunden wir die Wasserstelle, um näher an ihn heranzukommen und haben Glück. Ein zweiter Elefant bricht aus dem Gebüsch hervor und wir kommen bis auf zehn Meter an die imposanten Riesen heran. Unser Guide ist auf einmal hellwach und beobachtet konzentriert die Körpersprache der Tiere, denn sobald diese einmal aggressiv sind, können sie bis zu 40km/h schnell rennen und unter den Hufe eines Dickhäuters möchte von uns wirklich niemand enden.
Wir treten den Rückzug an und setzen unsere Wanderung fort. Wir sehen einige Antilopen, den Bush Bock und den Water Bock, die wir ohne die Hilfe von Janas Augen wahrscheinlich niemals entdeckt hätten, denn unser Guide ist wieder in seinen Dämmerzustand verfallen.
Viel zu schnell sind die zwei Stunden vorbei und wir kommen am Mole Hotel, der billigeren Unterkunft im Park, die immer noch teuer ist, aus.
Wir beschließen, wenn wir schon einmal da sind, auch noch die Jeep Safari um 3:30pm zu machen und die Mittagshitze am Pool zu verbringen.
Ja, es gibt tatsächlich einen Pool mit Ausblick auf den Nationalpark!
Wir kommen uns vor, wie im Urlaub, während die Sonne auf uns herabscheint und den nächsten Sonnenbrand vorhersagt.
Dann ist es soweit. Wir gabeln auf dem Weg noch zwei britische Ladys auf, sodass die Kosten für den Jeep geteilt werden können und dann sitzen wir schon ehe wir uns versehen auf dem Dach desselben.
Wie im Film fahren wir im Licht der Abendsonne über einen staubigen Weg durch die Landschaft und halten rechts und links Ausschau nach allem, was sich bewegt.
Wir sehen drei weitere Elefanten, eine ganze Antilopenherde, zwei verschiedene Affenarten, Schmetterlinge und Wasserböcke.
Vollkommen kaputt werden wir von Ibrahim abgeholt und zurück nach Larabanga gefahren, wo uns ein motivierter Muni erwartet, der mit uns feiern gehen möchte.
Feiern? In diesem kleinen Ort?
Wir lassen uns überreden und folgen ihm wohin auch immer.
Auf dem Weg werde ich von einem Rollerfahrer angequatscht und lande schließlich vorne auf seinem Gefährt und darf ein wenig durch die Nacht fahren. Ich glaube, ich muss mich in Deutschland erstmal wieder daran gewöhnen, dass man bei solchen Experimenten eigentlich einen Helm tragen sollte, bzw. muss.
Wir betreten den sogenannten Club und sind überrascht, dass es tatsächlich einen DJ gibt, der die ghanaischen Songs auflegt, die man halt so kennt.
Eine Hälfte des Raumes ist überdacht, die andere unter freiem Sternenhimmel.
Wir tanzen, eine Sternschnuppe fällt und wir fühlen das, was man Freiheit nennt.

Wir wachen auf und sind krank.
Magendarmprobleme, einige haben noch Fieber und Kopfschmerzen dazu.
Das können wir ja jetzt gar nicht gebrauchen.
Joyce, Jana und Josie entscheiden sich dennoch dazu, den Nilpferden in Wa einen Besuch abzustatten, während Lea und ich lieber den Heimweg antreten. Ich muss ohnehin in meinen letzten Tage noch einiges erledigen und Lea muss eigentlich arbeiten.
Wir hängen wie ein kollektiver Schluck Wasser in der Kurve, nunja eher an der Straße, und warten auf unsere Busse.
Der Bus nach Wa kommt, nimmt die drei Mädels mit und lässt Lea und mich mit Muni zurück, der sich rührend kümmert.
Der Bus nach Tamale kommt und fährt vorbei. It was full, ist Munis schulterzuckende Erklärung. Großartig! Das war auch der einzige Bus an diesem Tag. Es war ja fast schon wieder klar, dass es immer noch schlimmer kommen kann. Don't worry, versichert Muni.
You gonna be fine! Mein ghanaischer Lieblingssatz, befindet sich ungefähr auf demselben Platz mit He will come soon und It is not spicy. Ich habe schlechte Laune und keine Ahnung, wie wir hier jetzt wegkommen sollen.

Auf einmal erscheint ein Engel mit Käppi, Sonnenbrille und Nike-Turnschuhen. I.B., stellt er sich vor. Er müsse auch nach Tamale, ob wir mit ihm fahren wollen würden. Ja natürlich, was ist das denn für eine Frage! Er organisiert ein Taxi und wir machen uns auf den Weg nach Damongo, wo wir ein Trotro nach Tamale finden. Unser Retter spricht kaum ein Wort mit uns, doch als wir unseren Zielort erreichen, fragt er, wann den unser Bus nach Accra abfahren würde. Ich schaue auf die Uhr: 1pm. Unser Bus fährt um 6pm. Ob wir uns in der Zeit in seiner Wohnung ausruhen wollen würden.
Auch dieses Angebot nehmen wir dankend an und während Lea in seinem Bett schläft, unterhalten wir uns über Gott und die Welt und ich lerne viel über den Islam. Im Gegenzug bringe ich ihm das MauMau-Spielen bei.
Erneut bin ich von zwei Tatsachen fasziniert. Zum einen die religiöse Toleranz, die in Ghana vorherrscht. Dass Islam und Christentum ohne Konflikte nebeneinander existieren können und es bei zwischenmenschlicher Kommunikation einfach keine Rolle spielt, ob man nun an einen Gott, keinen Gott oder hundert Götter glaubt.
Und zum anderen die ghanaische Gastfreundschaft. Ich kann mir schwerlich einen Deutschen vorstellen, der einfach so zwei Fremde von der Straße aufsammeln und in seinem Bett neben Laptop und sonstigen Wertgegenständen schlafen lassen würde, während er mal kurz weggeht, um etwas zu essen zu kaufen.
Um 5pm fährt uns I.B. mit seinem klapprigen Roller zur Busstation (wir passen wirklich nur ganz knapp auf dieses Gefährt) und wartet noch bis wir auch ordnungsgemäß auf unseren Plätzen sitzen. Wir wissen gar nicht, wie wir uns bedanken sollen, als er geht und sind einfach nur froh, dass es jetzt endlich nachhause geht.
Doch da haben wir uns zu früh gefreut. Pünktlich um 6pm bricht auf einmal ein riesiges Gebrüll in den hinteren Reihen los. Diverse Ghanaer stürmen von außen den Bus und beteiligen sich an der Diskussion. Als der Busfahrer einen kläglichen Versuch startet, einfach zu fahren, blockieren fünf Männer mit ihren Motorrädern den Ausgang der Station.
Ich versuche trotz Kopfschmerzen zu verstehen, worum es bei dem Streit geht und habe, als wir mit eineinhalbstündiger Verspätung dann endlich losfahren, meine Erklärung zusammen.
Die Frau, die den meisten Krach macht, hat mir irgendeinem Typen geschlafen, um von ihm Geld für einen Reisepass zu bekommen, das sie aber nie erhalten hat. Dummerweise hat der Bruder ihres eigentlichen Freundes davon aber Wind gekriegt und saß jetzt im Bus neben ihr, um sie zu konfrontieren. Sie fühlte sich belästigt und hat dann irgendwann die Polizei gerufen, die aber nie gekommen ist. Die Lösung des Konfliktes ist das Abfotografieren irgendeines Reisepasses. Wozu das gut sein soll, entzieht sich dem Horizont meiner Vorstellungskraft, aber was es auch war - wir fahren!
Mit rasender Geschwindigkeit, lauter Musik und minütlichem Hupen erreichen wir Accra vollkommen abgenervt und halb tot um 5am, aber bereuen nichts.
Auch wenn die Reise ein wenig verkürzt wurde (die anderen sind einen Tag später aus Krankheitsgründen heimgekehrt), haben wir doch jede Sekunde davon genossen.
Und wenn ich dann das nächste Mal in Ghana bin, habe ich immer noch genug Sehenswertes, wohin es sich lohnt zu reisen.

Likes

Comments

Ist wirklich schon ein halbes Jahr vergangen? Ich kann es mir kaum vorstellen, aber es muss wohl so sein, denn am Donnerstag wurde ich in der Schule verabschiedet. Letzter Schultag, jetzt sind Ferien und wenn der Unterricht am 8. Mai wieder beginnt, bin ich schon zurück in Deutschland.Es ist ein komisches Gefühl, zu wissen, dass man die kleinen Racker, so wie sie jetzt sind, nicht mehr wiedersehen wird.

Wochenlang habe ich an Abschiedsgeschenken gebastelt (eine Porträtaufnahme jedes Kindes mit einer Einschätzung der Fähigkeiten auf der Rückseite, Zeugnisse und Essen für die Lehrerinnen und Poster für die einzelnen Klassen) und mit Selma zusammen Kisten mit Stiften, Spielen, Kreide etc. gepackt, die wir an die Schule spenden wollten.

Mit dabei: ein Kuscheltier samt Luftballon und Bonbon für jedes Kind, was wir am Donnerstag direkt verteilen wollten.

Dadurch, dass man sich so lange auf den Abschied vorbereitet hatte, kam er nicht wirklich überraschend aber wirkte auch nicht im Geringsten real.

Schon am Mittwoch hatte ich von Madam Theresa meine Abschiedsgeschenke erhalten und sie hatte sich wirklich ins Zeug gelegt. Ein wunderschönes Kleid, ein Paar Schuhe und Unmengen an Armbändern und Ketten (alles selbstgemacht). Sie würde mich so sehr vermissen und gar nicht wissen, was sie ohne meine Hilfe anfangen soll, vielleicht hängt sie ihren Job einfach direkt an den Nagel. Dass die Gute auch einen Hang zum Melodramatismus hat, war mir bisher nicht bekannt gewesen. 

Die Kinder sind aufgeregt, denn am Our Day, die Bezeichnung des letzten Schultages, gibt es immer leckeres Essen und kleine Geschenke.

Alle haben ihr schönstes Outfit angezogen. Die Jungs in Jeans und Hemd, die Mädchen in Kleid und hohen Schuhen, möglichst mit Steinchen und Glitzer.

Wir kommen uns vor wie der Osterhase und Weihnachtsmann höchstpersönlich , als wir drei Kisten und einen riesigen Reiserucksack voller Kuscheltiere durch das Schulgatter schleppen, können den Inhalt allerdings vor beinahe allen Kindern verbergen, sodass der Krieg um das schönste, grellste, kitschigste Tierchen erst einmal hinausgezögert wird.

Madam Theresa befiehlt uns unterdessen, ihre mitgebrachten Spaghetti zu vertilgen, während sie und Madam Samuellah in der Küche residieren und Rice Balls mit Grounutsoup kochen.

Eigentlich fiebert alles und jeder auf das Ende des Tages hin (dann gibt es Essen und man wird in die Ferien entlassen) aber Selma und ich würden dieses Ende nur allzu gerne hinauszögern. Wir kuscheln und spielen mit den Kindern, wohlwissend, dass es das letzte Mal sein könnte, schießen noch ganz viele Fotos und hoffen, dass die Zeit genau so langsam verstreicht, wie an einem nervenaufreibenden Schultag, an dem wieder gar nichts so zu klappen schien, wie es sollte.

Nervig ist heute jedoch weder die Gemütlichkeit der Lehrerinnen, noch die Absenz des Schulleiters, Rejoices Herrleitergebrüll oder Phyllis Auffassungsgabe einer Energiesparlampe. Es ist alles so wie immer, so wie es mir in Erinnerung bleiben wird.

Dann kommt der große Moment: die Tische werden in der KG1 zusammengeschoben und jedes Kind bekommt einen Reisball mit Erdnusssuppe. Mit den Fingern geht die große Schlemmerei los.

Danach ordnungsgemäß abräumen, Hände waschen, spülen und im jeweiligen Klassenzimmer versammeln.

Das ist unser großer Augenblick.

Wir schnappen uns den Osterhasenrucksack und wandern zuerst in die Nursery, wo sich fast jeder über sein Kuscheltier freut - außer Kedzie. Der Teddybär war ihr doch ein bisschen unheimlich; da nimmt sie lieber den Frosch im Miniaturformat.

Auch bei KG 1 und 2 ist die Begeisterung groß, jedoch der Kleinkrieg, wer das beste Tierchen erhalten hat, unvermeidbar. Erstaunlicherweise sind die furchtbaren, pinken Plastikpferdchen am begehrtesten - eine Geschmacksverirrung sondergleichen, für die man nur den hiesigen Drang, alles möglichst farbig und kitschig gestalten zu wollen, verantwortlich machen kann.

Viel zu schnell winken die Kinder byebye und verlassen den Schulhof. Manche von ihnen haben glaube ich gar nicht begriffen, dass wir nicht mehr wiederkommen. Aber vielleicht werden sie nach den Ferien die nächsten Freiwilligen nach uns fragen. Where is Loria? Where is Sielma? Where is Sofie?

Abschließende Konferenz im Schulleiterbüro, wir bekommen noch eine Anleitung für ein besseres christliches Leben in die Hand gedrückt und dann heißt es Abschied nehmen.

Die Lehrerinnen eskortieren uns noch über das Fußballfeld Richtung Zuhause; die Umarmungen fallen kurz aus, das ist man hier nicht so gewohnt.

Wir gehen, schweigend den Blick auf unsere neuen Schuhe von Madam Samuellah gerichtet und drehen uns nicht mehr um.

Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach.

Alles, was ich denken kann, ist jedoch: bitte, lass mich einen Fußabdruck in dieser Schule hinterlassen haben. Einen Funken Motivation mit einem Stundenplan, der auch in meiner Abwesenheit durchgezogen wird, mit einem Repertoire an Kinderliedern, die den Unterrichtsalltag auflockern können und mit Kindern, die gelernt haben, an sich selbst zu glauben. Ich hoffe, dass meine Einschätzung zu jedem einzelnen Kind von den Eltern zumindest wahrgenommen wird, sodass sie sehen, dass es neben Mathe, Lesen und Schreiben noch viel wichtigere Kompetenzen gibt. Kreativität, Empathie, Hilfsbereitschaft und Musikalität zum Beispiel.

Denn davon, haben diese Kinder genug.

Man muss ihnen einfach nur zuhören.

Likes

Comments

Nun muss ich doch einen Artikel schreiben, zu dessen Erstellung ich eigentlich keinen Anlass finden wollte, aber der Tod ist nun mal genauso gegenwärtig wie das Leben und irgendwie kommt niemand so ganz daran vorbei.

Beerdigung. Ein Wort mit dem ich vieles verbinde. Trauer, schwarz, Kirche, Sarg, Predigt, Friedhof, Tränen, leise, Schmerz, Musik, Gedenken.
Das Wort ist in meinen Gedanken hauptsächlich negativ besetzt und mir würde spontan niemand einfallen, der gerne auf Beerdigungen ginge.
Hier in Ghana ist das etwas anders. Ghanaer sind ohnehin schon dafür bekannt, dass sie keine Möglichkeit zum Feiern auslassen und wenn an einem Wochenende mal nichts los ist, geht man eben zu einer Beerdigung.
Hier assoziiere ich: laut, Musik, tanzen, singen, Klage, letzte Ehre, Alkohol, Feier des Lebens, Sarg, rot und schwarz.

Im Februar ist ein guter Freund von Game bei einer Gasexplosion ums Leben gekommen und wurde letzten Samstag nach ca. zwei Monaten begraben, was für hiesige Verhältnisse sehr schnell ging, da Beerdigungsfeiern kostenintensiv sind und meistens Monate lang Geld gespart werden muss, bis man solch eine Feier ausrichten kann.
Gefeiert wird von Freitag bis Sonntag (damit meine ich die Zeitspanne in der 24/7 laute Musik gespielt wird - unserer Theorie nach, um den Schmerz zu betäuben - was uns schon so einige schlaflose Nächte gebracht hat).
Freitag nur im engsten Kreis der Famile; man sitzt um den geöffneten Sarg herum und trauert.
Am Samstag mit allen Freunden, Verwandten, Bekannten oder auch nicht Bekannten und am Sonntag wieder im engsten Familienkreis. Der zweite Tag ist der Wichtigste der gesamten Veranstaltung, da an diesem auch das tatsächliche Begräbnis stattfindet, sodass man jeden Samstag zahlreiche rot-schwarze Baldachine und so gekleidete Menschen auf der Straße entdecken kann.
Rot und schwarz sind die Farben, die man hier zu der Beerdigung einer Person trägt, die früh (also unter 50 Jahren) gestorben ist. Wurde der oder die Tote älter, trägt man schwarz-weiß, um das lange Leben zu ehren, das er oder sie hatte.
Dass man hauptsächlich rot-schwarz gekleidete Ghanaer an Samstagen auf der Straße trifft, spricht denke ich mal für sich.

Morgens um halb vier klingelt der Wecker. Wir ziehen uns um und fahren nach Madina, wo wir einige Freunde von Game treffen und mit ihnen zusammen weiterfahren. Ich trage meinen schwarz-roten Rock.
Der Grund, aus dem wir so früh aufstehen ist Folgender: uns steht eine dreistündige Fahrt Richtung Cape Coast in ein kleines Dorf namens Agona-Abodom bevor - dem Geburtsort des Verstorbenen.
Zum Glück hat Tino ein Auto, sodass uns nervenaufreibende Trotroumstiege erspart bleiben.
Dort angekommen bin ich froh, Joyce noch spontan gefragt zu haben, ob sie mitfahren möchte, denn als die einzigen obrunis sind wir Dorfattraktion. Obrunis, die mit den university boys die Szenerie betreten (Game und seine Freunde kennen sich von der Uni).
Es ist eine kleine Feier. Drei Baldachine stehen sich gegenüber, auf den darunterstehenden Stühlen sitzen vereinzelt ein paar Leute. Wirklich voll wird es erst eine Stunde später, die Musik dröhnt trotzdem in unerhörter Lautstärke aus den Boxen. Sogar ein DJ mit einer Ausstattung aus der technischen Steinzeit geht seiner Arbeit nach.

Wir betreten das Haus, aus dem Klagerufe nach draußen dringen. Wir gehen jetzt um den geöffneten Sarg und verabschieden uns, sagt Game. Sicher, dass ihr das sehen wollt?
Bevor ich auch nur einen klaren Gedanken fassen kann, stehen wir schon in dem kleinen Raum. Es riecht nach Krankenhaus, mehr nach Desinfektionsmittel, als nach Tod.
Sein Gesicht ist zerknautscht und ich frage mich, was sie mit ihm gemacht haben, wo er bei der Explosion doch beinahe ganz verbrannt sein soll. Es ist so unwirklich und auch Game kann es noch nicht glauben, dass der Mann da vor uns in dem Sarg derselbe ist, der auf der Fotografie an der Wand in die Kamera lächelt.

Draußen werden wir von den Chiefs des Dorfes ganz offiziell begrüßt, die Frauen versammeln sich, um zu den wummernden Bässen der Partymusik zu tanzen und wir gesellen uns zu den restlichen Gästen, um uns zu unterhalten und das ein oder andere Bier zu uns zu nehmen. Joyce und ich können uns mit der Aussage retten, in Deutschland gelte Kein Bier vor vier, da wir ansonsten mit größtem Vergnügen abgefüllt worden wären. Morgens um zehn, in praller Sonne.
Musik, Essen und Alkohol sind die wichtigsten Bestandteile einer hiesigen Samstagsbeerdigung, sodass das eigentliche Begräbnis beinahe in Vergessenheit gerät.

Auf einmal springt jedoch eine Horde von Männern auf, rennt ins Haus und trägt im Laufschritt den Sarg hinaus.
Wie ein Schiff auf hoher See wankt und schwankt der Kasten nach rechts und links und droht schon zu fallen, fängt sich jedoch gerade noch rechtzeitig wieder und begibt sich auf die Reise Richtung Friedhof. Wir folgen dem Zug unauffällig bis zur Kreuzung und machen uns dann auf den Rückweg, um weiter zu sitzen, zu essen und in Erinnerungen an den Verstorbenen zu schwelgen. Er war immer gut drauf, hatte stets ein Lächeln auf den Lippen, mit ihm wurde es niemals langweilig. He was a good guy.
Auf einmal kommt Bewegung in unsere Jungsgruppe. Aufgeregtes Genuschel auf Twi erfüllt die Luft und ein Handy wird hektisch durch die Gegend gereicht. Die Frau, zu der dieses Handy gehört, hat ihre korallfarbenen Lippen zu einem geraden Strich zusammengekniffen und sagt keinen Ton. Der Mann, der zu dieser Frau gehört, erklärt etwas, das sehr wichtig zu sein scheint, woraufhin alle aufstehen und ihm die Hand schütteln.
Beide verlassen unseren Tisch. Fragezeichen in meinem Kopf.
Es stellt sich heraus, dass die beiden Überbringer der Nachricht waren, dass die Freundin des Verstorbenen von ihm schwanger war und zwei Wochen nach seinem Tod eine kleine Tochter zur Welt gebracht hat. Die Jungs schwanken zwischen Schock und der Freude, dass sie nun alle ein gemeinsames Kind haben, das das Erbe seines Vaters weiterträgt.

Das Leben geht seine eigenen Wege und ist oft nicht fair dabei. Man kann nie wissen, hinter welcher Kurve oder Abzweigung der Tod sich verbirgt. Ihm wird schnell langweilig, er spielt niemals zu lange Verstecken. Und wenn er spielt, gewinnt er immer. Jedes einzelne Mal.

Likes

Comments

Wie schnell die Zeit vergeht: gerade noch haben wir die letzten Examen geschrieben und auf einmal ist schon wieder die vorletzte Woche des Terms und es heißt Exams Week!
Klappe die zweite und dieses Mal mit Struktur. Tatsächlich sind am ersten Tag der Woche alle Aufgabenblätter ausgedruckt und jeden Tag wird ein Examen geschrieben.
Mathematics, Language Activities, Enviromental Studies, Bible Knowledge und Creative Arts.
Obiges Bild zeigt unsere Kreativitätsausbrüche, die Madam Theresa auf die glorreiche Idee brachte, die Kinder sollen eine Ostereicollage aus Eierschalen machen. An sich hat das gut funktioniert, es stinkt nur fürchterlich.
Die weiteren Übungen beruhten tatsächlich auf dem Unterricht, den wir gemacht hatten und die Kinder waren hauptsächlich ohne Hilfe in der Lage, die Fragen zu beantworten.
Das Einzige, was mir ein bisschen die Haare zu Berge stehen liess, waren die Aussagen, die die Kinder beim MultipleChoiceTest über die Bibel und sich selbst bezogen auf ihre Umwelt gaben.
Wie viele Köpfe habe wir? 1 oder 5? 7!
Wo ist Jesus gestorben? Am Baum!
Wie ritt Jesus in Jerusalem ein? Auf einem Kind!
Ist Mango ein Obst oder Gemüse? Brot!
Unter 70% von 100 hat aber trotzdem keiner bekommen, was zum Teil wohl tatsächlich daran liegt, dass die Kinder in diesem Term eindeutig mehr Unterricht genossen haben, als im Term davor.
Ich bin zufrieden. Durch meinen Stundenplan, hat der Schulalltag an Struktur gewonnen, was zu besserem Unterricht und ebenso guten Examen geführt hat
Was nicht heißen soll, dass mir die kleinen Monster, wie Ina sie so liebevoll nennt, nicht manchmal tierisch auf die Nerven gegangen sind. Denn auch diesen Term, war Grenzüberschreitung ihr Liebligswort. Wenigstens sagen sie jetzt Sorry, Thank you und Please.
Und wie geht es weiter?
Nächste Woche Donnerstag ist mein letzter Schultag, dann sind Ferien, ich fahre für zehn Tage in den Norden Ghanas und wenn die Schule wieder anfängt, bin ich schon wieder im kalten, viel zu stressigen Deutschland.
Ich verbringe die Abende damit, Abschiedsgeschenke zu basteln, was mich jedes einzelne Mal in eine außerordentlich melancholische Stimmung versetzt.
Ich bin noch nicht bereit zu gehen und die Vorstellung, die meisten der kleinen Racker nicht mehr wiederzusehen, ist unvorstellbar.
Ich würde so gerne wissen, wie einige von ihnen in zwanzig Jahren aussehen, welchen Beruf sie ergreifen, wie viele Kinder sie haben werden.
Aber mir bleibt nur die Erinnerung, an ein halbes Jahr voller lachender Kindergesichter, die noch alles werden können, was sie wollen.
Denn in Ghana ist alles möglich.

Likes

Comments

Wenn ich ihn anschaue, glaube ich manchmal, er ist von einem anderen Stern, aus einer anderen Welt. Als würde er etwas anderes sehen, als wir, als würde er verstehen, worum es wirklich geht und wir nicht.
Er lächelt den ganzen Tag und vielleicht lacht er über unsere Unwissenheit. An was er denkt, verrät er nie, aber wenn er doch einmal etwas sagt, kann niemand nachvollziehen, was er meint.
Er ist anders, als die Anderen. Und gerade das macht ihn so besonders.
Seit Jahren ist er nun im Kindergarten 1, mittlerweile zehn Jahre alt und ein Wechsel in eine höhere Klasse steht nicht in Aussicht. Die Lehrer verstehen ihn nicht. Sie sehen, dass er weder lesen, noch schreiben, noch rechnen kann und stempeln ihn als dumm ab.
Er wurde aufgegeben, zurückgelassen und keiner hat sich je die Mühe gemacht, ihn vom Boden aufzusammeln.
Als ich an seiner Schule angefangen habe, ist er höchstens einmal die Woche zum Unterricht erschienen und hat kaum gesprochen. Mir wurde sofort angeboten, ich könne ihn ja mit nach Deutschland nehmen, sie würden keine Lust mehr haben, sich mit ihm zu beschäftigen.
Sie glauben, er ist einfach nur dämlich, ich behaupte er hat eine Lernschwäche. In Deutschland hieße das Extraförderung, hier heißt es: keine allzu rosige Zukunft und Hohn und Spott während der Schullaufbahn.
Zugegeben, es ist nicht immer einfach, mit ihm zu arbeiten und mir gehen nicht selten die Ideen aus, wenn er auch nach dem zehnten Erklärungsversuch nicht in der Lage ist, eine Mango von einer Ananas zu unterscheiden. Aber etwas hat die zusätzliche Zeit, die ich in Desmond investiert habe, gebracht. Er kommt jeden Tag zur Schule, eine kleine Schwester am rechten, eine am linken Arm, und redet wie ein Wasserfall.
Zwar ergibt das meiste für mich keinen Sinn, aber wenn er mich aus großen Kulleraugen anschaut und sein Mr. Desmond-Grinsen aufsetzt, kann ich nicht anders, als ihm zuzustimmen, dass Samuraikrieger am allerliebsten Geburtstagstorte essen.
Gerade sitzt er auf meinem Schoß und malt selig seine Familie und ihr Haus. Malen kann er gut, besser als jedes andere Kind auf der Schule.
Ich würde zu gerne wissen, was einmal aus ihm wird. Ob er seinen Weg findet, ob er glücklich wird.
Sein Leben wird nicht einfach sein, aber wessen Leben ist das schon?
Ich hoffe nur, dass er niemals verlernen wird, zu lächeln.

Likes

Comments

Wenn man es darauf anlegt, schafft man es hier wirklich, jeden einzelnen Tag der Woche feiern zu gehen, denn irgendwo ist immer etwas los.
Mittwochs kann man sich sogar entscheiden, ob man lieber die Salsa- oder Reggae Night besuchen möchte - unsere Wahl fiel dieses Mal auf Letzteres.
Wie soll man diese Veranstaltung beschreiben, die sich ungefähr genau so verhält, wie ihr Name vermuten lässt?
Wir betreten den Labardi-Beach gegen halb elf abends. Genauer gesagt betreten wir ihn nicht, wir fahren. Königlich in einem weißen Infiniti (die Luxusmarke von Nissan), der noch alle Fensterscheiben und ein tatsächlich funktionierendes Amaturenbrett besitzt.
Als der Türsteher statt den üblichen 5, auf einmal 15 Cedi verlangt, da heute eine Live-Band spielen würde, rastet unser Fahrer kurz auf ghanaisch aus, stapft jedoch dann, als er die Unsinnigkeit seines Unterfanges bemerkt, lässig zum Kofferraum und holt wie bei einer Drogenübergabe ein Bündel Scheine aus dem Kofferraum. Er zahlt für uns alle.
Nun zu der Frage: wieso?
Bei dem ominösen Fahrer handelt es sich um Perrys Cousin, dessen genaue berufliche Beschäftigung nicht bekannt ist, der jedoch einen beachtlichen Haufen Geld und Autos besitzt, die mit Vorliebe weiß und teuer sind (ich sage nur Porsche).
Es war so unfassbar seltsam in einem Auto zu fahren, das so etwas wie Beschleunigung kannte und nicht bei jeder Unebenheit auf der Straße auseinanderzufallen schien.
Es war jedoch auch unfassbar seltsam, solch einen Luxus aus nächster Nähe zu erleben, während man weiß, wie wenig die meisten Menschen hier haben.
Die Spitze des Eisberges zerschmilzt in der Sonne, während der Rest im kalten Wasser erfriert.
Wir setzen uns auf Strandstühle in den Sand und beobachten einige Ghanaer, die mit großem Eifer eine Band auf der Bühne einrichten. Währenddessen versucht uns ein Mann mit flauschiger Pilotenmütze eine Shisha anzudrehen und wird von einem Mann mit Badekappe begleitet. Eine Gruppe von mittelalten Asiaten vollführt, wohl dem Konsum so einiger Rauschmittel verfallen, einen Bauchtanz nach dem anderen, eine als Discokugel getarnte Frau tanzt ganz für sich. Direkt dahinter eine Familie mit sicher schon 70jährigen Eltern, die sich köstlich amüsieren.
Eine bunt gemischte Ansammlung von Menschen aller Alters- und ethnischer Gruppen.
Endlich tut sich auf der Bühne etwas: Zwei Rastafaris treten mitsamt Schlagzeuger, Keyboarder und Bassisten ins Rampenlicht. One,two,one,two, soundcheck. Das, was man ansonsten vor einem Auftritt erledigen würde, wird hier mittendrin und vor Publikum, das allerdings nur spärlich vorhanden ist, abgehakt. Nur die Ruhe, das ist alles ganz und gar ungeplant.
Dann geht es los. Das, was ich an dem hiesigen Reggae liebe, sind tatsächlich die einfach zu merkenden Texte und ich werde nicht enttäuscht. Abgesehen von etwas Genuschel zwischendrin, ist das einizige verständliche Wort: Soundcheck, Soundcheeeeheeeeck!, abgelöst von einem euphorischen Do you feel it? und einigen gewöhnungsbedürftigen Tanzeinlagen.
Start dezimiert begeben sich die restlichen Überlebenden Jana, Renèe, Pauli, Perry und ich auf einen Strandspaziergang.
Das Meer rauscht, das Wasser umspült unsere Füße und die Lichter in der Ferne lassen alles auf eine faszinierende Art und Weise sphärisch wirken.
Die Musik wird leiser und verstummt schließlich vollkommen, als wir vor einem großen Riesen aus Beton stehen. Das nie fertig gestellte Hochhaus an der Accra-Tema-Beachroad ragt über uns auf und malt sein Spiegelbild in den nassen Sand.
Ich frage mich, was es in einem anderen Leben vielleicht geworden wäre. Ein Einkaufszentrum, ein Bürogebäude oder eine Wohnungsansammlung? Es sieht traurig aus, aber gibt mir auch ein Gefühl von Heroik. Es schaut jeden Tag auf das weite Meer hinaus, würde vielleicht gerne weg von hier, aber kann nicht. Und obwohl es schon seit längerer Zeit einsam und unfertig am Straßenrand steht, stürzt es doch nicht ein.

Likes

Comments

Bevor man in ein noch unbekanntes Land fliegt, geht, fährt oder schwimmt, macht man sich, wie es wohl jeder schon einmal getan hat, Gedanken über so Einiges. Was wäre wenn, kann man dies machen, sollte man das vielleicht lieber lassen, was passiert, wenn ich dies und das tue und so weiter und so fort.
Meistens macht man sich viel zu viele Gedanken und stellt im Nachhinein fest, wie deutsch-kleinkariert man doch gewesen ist. Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich heute nur noch lachen und mir überlegen, welche Befürchtungen ich vielleicht eher hätte haben sollen.

Liste an unbegründeten Befürchtungen, Ängsten und Sorgen:

1. Amicophobia
Die Angst davor, keine Freunde zu finden, sehr verbreitet unter uns Freiwilligen, die sich in eine schon bestehende Gruppe einfügen müssen, was aber bisher bei jedem problemlos funktioniert hat.

2. Stealophobia
Die Angst davor, auf der Straße überfallen zu werden, wenn man offen mit Handtasche, Mobiltelefon oder Kamera herumspaziert. Diese Möglichkeit besteht natürlich immer, ist aber bei Weitem nicht so wahrscheinlich, wie man sich das immer vorstellt. Letztendlich kann man auch als obruni mit Geige in einem Slum überleben.

3. Capiscophobia
Die Angst davor, das ghanaische Nuschelenglisch nicht zu verstehen, die zwar anfänglich berechtigt war, sich aber dann sehr schnell in Verständnis oder die Erkenntnis gewandelt hat, dass man gar nicht immer alles verstehen muss bzw. will.

4. Lostophobia
Die Angst davor, mit dem Taxi nirgendwo anzukommen. Nachdem ich gelesen hatte, dass es seit einigen Jahren hier zwar Straßennamen gibt, diese jedoch keine Socke, geschweige denn Taxifahrer, kennt und man deswegen die Route immer beschreiben muss, sah ich mich schon mit meinem Orientierungssinn, der einem toten Rehkitz gleichkommt, wie mein Fahrlehrer immer zu sagen pflegte, irgendwo im Nirgendwo landen. Schnell lernte ich jedoch, dass es andere Möglichkeiten gibt. In Nungua, da bei dem toten Baum, geht auch als Wegbeschreibung durch.

5. Boringophobie
Die Angst vor Langeweile, die hier zumindest bei mir nicht mehr auftritt, da ich mir dieses Gefühl auf wundersame Art und Weise abgewöhnt habe. Vielleicht aus Selbstschutz, weil hier alles immer so lange dauert und langsam vonstatten geht, vielleicht auch, weil ich gelernt habe, wie man sich effektiv nur mit seinen eigenen Gedanken beschäftigen kann.

6. Fliegephobie
Die Sorge, komplett damit überfordert zu sein, dass man einen so langen Flug mit Umstieg alleine bewältigen muss, war ebenfalls komplett unberechtigt. Denn schließlich kommt man immer irgendwo an und meistens sogar da, wo man auch ursprünglich hinwollte.

7. Friendlyphobie
Die Angst davor, zu nett und naiv zu sein, nicht handeln zu können und somit immer übers Ohr gehauen zu werden. Handelstechniken eignet man sich hier jedoch schneller an, als alles andere.

8. Antimusicophobie
Die Befürchtung, nur wenig bis gar keine Musik machen zu können, die sich auch quasi umgehend in Luft aufgelöst hat, als ich festgestellt habe, dass man mit ein bisschen Singen und Geige spielen nahezu jeden Ghanaer begeistern und das die schönste Art eines Gastgeschenkes sein kann.

9. Ich-habe-nichts-zum-Anziehen-Phobie
Die Frage, unter der fast 80% aller Frauen leiden: was ziehe ich bloß an? Ist das zu kurz, muss ich Schultern und Knie immer bedeckt halten? Es stimmt zwar, dass man in der Kirche nicht bauchfrei und im Minirock auftauchen sollte, aber ansonsten ist es dem Durchschnitts-Ghanaer so ziemlich egal, was sich wer anzieht oder auch eher anschlürt. Da könnte man auch so wie Sofie und ich auf obigem Beweisfoto auf die Straße gehen und es würde niemandem auch nur ein müdes Schulterzucken entlocken.

Liste der Sorgen, die ich vielleicht hätte haben sollen:

1. Hupophobie
Die Angst, in einem Haufen wütend hupender Taxis und Trotros, die alle auf ihre Vorfahrt bestehen und sich nicht um unwichtige Fußgänger scheren, irgendwann einmal zerquetscht zu werden.

2. Illophobia
Die Angst davor, krank zu werden und ins Krankenhaus zu müssen. Das ist wirklich keine Erfahrung, die ich irgendwem zumuten möchte.

3. Marryophobie
Die Befürchtung, schneller verheiratet zu sein, als einem lieb ist, was bei den zahlreichen aufdringlichen und übermotivierten Ghananern tatsächlich passieren könnte. Zumindest die Heiratsanträge habe ich schon.

Liste der Befürchtungen, die sich bestätigt haben:

1. Immigraziophobie
Die Angst davor, sein Visum tatsächlich verlängern zu müssen und dann mit der ghanaischen Bürokratie heillos überfordert zu sein. Überfordert ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, aber reichlich aggressiv macht sie schon.

2. Malariaphobie
Die Angst, Malaria zu kriegen. Mich hat es zwar noch nicht erwischt, aber in letzter Zeit zwei andere Freiwillige - ein Vorfall, der uns allen wieder in Erinnerung gerufen hat, dass diese Krankheit uns tatsächlich heimsuchen kann. Auch die hohe Malariarate in Asikam beschreibt sie als erschreckend real. Trotzdem bleibt unumstritten, dass man Malaria hier mit einigen Antibiotika gut behandeln kann.

Alles in allem bleibt wohl festzuhalten, dass ich mir, wenn ich noch einmal so einen großen Auslandsaufenthalt plane, einfach nur noch so wenig Gedanken, wie möglich machen werde, da ja doch immer alles anders kommt, als man denkt und beinahe jede Sorge konplett unberechtigt war.

Likes

Comments

Ich habe keine Ahnung, woran das liegt, aber die besten Möglichkeiten ergeben sich immer erst dann, wenn es schon fast zu spät ist.
Mena ist so eine dieser Personen, die ich gerne schon viel früher kennengelernt hätte. Wir hätten von Anfang an zusammen Musik machen sollen, stattdessen treffe ich ihn am Samstag, sechs Wochen vor meinem Abflug.
Warum ich ihm einen Blogeintrag widme, obwohl wir uns erst seit knapp einer Woche kennen, ist die Tatsache, dass er schon jetzt ein wichtiger Teil meines Aufenthaltes in Ghana geworden ist.

Ich komme aus der Schule nachhause, bin müde und abgenervt und habe eigentlich schon überhaupt keine Lust mehr auf zwischenmenschliche Kommunikation.
Willst verbringen du etwas Zeit? fragt Mena in seinem Google-Übersetzer-Deutsch. Warum eigentlich nicht? Musik hat meine Laune bisher immer besser gemacht.
Ich schnappe mir die Geige und bin schon auf und davon, raus aus der Enge des Studenthouses, auf der Straße in Richtung zweiter Kokosnussstand hinter der Cactus Road. Zumindest ungefähr. Mein ghanaisches GPS lässt mich vor einem gelben Haus zum Stehen kommen. Sie haben ihren Zielort erreicht.
Ohne zu klingeln, da die Klingel ohnehin nicht funktioniert, öffne ich das niemals abgeschlossene Tor und betrete das Heiligtum des Gebäudes. Eingerahmt von einem Büro- und einem Anglerstuhl steht der große Tisch mit Boxen, Mikros und Bildschirmen ganz für sich und füllt den kleinen Raum beinahe vollständig aus. Unter sich eine zerfledderte Matratze, auf der der ein oder andere Musiker bisweilen gerne mal übernachtet - das schmerzhafte Kopfstoßen an der Tischplatte am nächsten Morgen ist regelmäßig Programm.
Mena thront wie gewöhnlich in seinem Bürostuhl und parkt nun Fahrgeräusche und Lenkbewegungen eines Autos nachahmend äußerst professionell neben mir ein. Ouh, Charlie. Good to see you, man!
Heute erregt jedoch etwas anderes meine Aufmerksamkeit, sodass ich die zum Gruß angebotene Faust gar nicht wahrnehme, sondern nur wie in Trance auf das Keyboard zusteuere, das wie eine Fata Morgana zwischen Kabeln und sonstiger Technik hervorschaut.
You like my wife? Ein weiterer Mann hat unbemerkt den Raum betreten und betrachtet amüsiert meine leuchtenden Augen. Mensah Highlife, stellt er sich vor. Der Musikstil? Wahrscheinlich sein Künstlername. Ich lerne, dass er zwar in Ghana zur Schule gegangen ist (in einer Zeit, wo es hier noch richtigen Musikunterricht gab) aber in London studiert hat, um dann in Kanada und Schweden Musik zu unterrichten. Jetzt ist er wieder zurück, hat eine Musikschule in Accra gegründet, gibt Keyboardunterricht und schreibt ganz nebenbei noch seine eigenen Songs, die er mal eben mit Gänsehautstimme zum Besten gibt.
Es ist immer dasselbe mit Mena. Egal zu welcher Tageszeit man bei ihm auftaucht, jedes Mal trifft man auf interessante Musikmenschen. DJs, Künstler, Toningenieure, Musikproduzenten und Lehrer - alles ist dabei. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich so gerne in seiner Gegenwart aufhalte. Es wird nie langweilig und ich habe das, was ich hier als einziges wirklich vermisst habe - musikalische Gesellschaft.
Wir jammen uns durch den Tag und beschließen dann, Fufu essen zu gehen.
Mensah ist kurz verunsichert. Eigentlich sei ich doch da, weil ich mit Mena ein Musikvideo zu unserem Lieblingssong Just to spend some time with you aufnehmen wollte. Ich lache nur. Das kann man ja auch vertagen; hier in Ghana tickt die Zeit ohnehin etwas langsamer und unregelmäßiger als anderswo. Dreimal fragt mich nun ein nahezu verängstigter Mensah, ob ich mir ganz sicher wäre, dass ich wirklich aus Deutschland käme. Ich wäre so ghanaisch, so planlos, entspannt und unstrukturiert. You go with the flow. Ich nehme das mal als Kompliment.
Während wir nun also Fufu mit den Händen in uns reinschaufeln, diskutieren wir angeregt über den Verfall der heutigen Musikindustrie, die nur noch das spielt, was das Publikum hören will. Eine gleichförmige, uninspirierte Masse an Tönen, die sich durch Klangexperimente aus Elektronik schiebt und dabei rosarote Wolken in unsere Gehörgänge malt.
Beinahe verpasst Mensah seinen nächsten Termin und springt relativ gehetzt in das nächstbeste Taxi. Für einen Moment ist er der Deutsche von uns beiden.
Mena und ich fahren wieder zurück, hängen im Angler- und Bürostuhl und reden über Gott und die Welt. Wortwörtlich.
Come, I show you something.
Er packt sich einen Lautsprecher und verschwindet nach draußen. Als ich ihm folge, kann ich ihn nirgendwo entdecken. Plötzlich ertönt über mir Musik. Der Witzbold ist auf das Hausdach geklettert, steht jetzt einige Meter über mir am Rand, die Arme ausgebreitet und sieht aus wie eine Mischung aus Superman, der Erzengel Gabriel und Rose aus Titanic. Eine Rose, die jetzt mit Gangsterstimme ruft: Come, this view is dope!
Ade come, ade come! Ich komm ja schon.
Grazil wie ein Elefant auf Staatsbesuch schwinge ich mich von der letzten Leitersprosse auf das Dach und die Sicht ist wirklich wunderschön. Gerade geht die Sonne unter und taucht die Welt in ein Licht, das alles unwirklich erscheinen lässt. Die Hintergrundmusik aus der Lautsprecherbox bringt uns dazu, zu tanzen, bis es dunkel wird und die Mücken anfangen, mich schier zum Fressen gern zu haben. Schade eigentlich.
Darf ich bitten? Ein Tanz auf dem Dach im Dämmerlicht.
Wieder auf dem Boden der Realität angekommen, laufen wir Menas Cousin Alex in die Arme, der ebenfalls Musik produziert, aber seine Hoffnungen eher in die Kleidermarke setzt, die er ins Leben gerufen hat und für die er in wenigen Tagen nach Kanada fliegen wird. Standorterweiterung.
Von Innovationsgeist ist bei ihm allerdings gerade wenig zu spüren, denn er hat Hunger. Also begeben wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem, was sich jedoch als schwieriger herausstellt, als erwartet. Alles hat entweder geschlossen oder nicht das, was wir wollen. Barfuß laufen wir durch die Straßen, spüren jedes Steinchen, unter der Fußsohle der noch sonnenwarme Teer und es ist egal, was alle anderen denken.
Wir komponieren auf die Schnelle einen Essensbeschwörungstanz, der uns schließlich bis zum Brigade führt.
Fried Rice. Mena lässt ein paar Einweggummis mitgehen, mit denen sonst die Essensschachteln zusammengehalten werden. Number one source of hairbands. They do not even know, erklärt er an meinen verwunderten Gesichtsausdruck gewandt.
Zurück im Haus schauen wir einen Film, der wohl eine Mischung aus Geschichts- und Fantasystreifen darstellen soll. Von der Seite beobachte ich Mena, der konzentriert auf den Bildschirm starrt und bei jedem Toten anteilnehmend F**k ausruft (es war ein Film mit sehr vielen Schlachten und Toten).
Es kommt mir so vor, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen. Die Art, wie er den Thunfisch aus meinem Reis rausklaubt, weil er weiß, dass ich den überhaupt nicht mag, wie wir gleichzeitig nach Papier und Stift greifen, weil uns die Filmmusik zu neuen Songtexten inspiriert, wie wir über dieselben Dialoge lachen, die uns die Darsteller bieten und gleichzeitig die Augen verdrehen, wenn die Geschichte, trotz aller Widrigkeiten und Hindernisse, doch noch gut ausgeht.
We live in a world full of happy endings, which are most likely to not be true.
Es ist spät geworden. Er bringt mich noch nachhause; auf dem Weg rennen wir mehrmals beinahe in diverse Autos, da wir beide den Himmel, der aus rosanen Wattewölkchen besteht, statt die Straße betrachten. Wundersamerweise kommen wir trotzdem heil an.
Ich sehe ihm nach, wie er alleine den Rückweg antritt, ein, zwei Luftsprünge vollführt und seine Silhouette dann langsam in der Dunkelheit verschwindet.

Likes

Comments