Und wie es der Zufall oder "die wegliche Fügung" (wie manche Pilger wohl behaupten würden) so will laufen wir zu einer ähnlichen Zeit wie Franzose Adrien los, somit bekommen wir die Chance ihn näher kennenzulernen.
Er kommt aus der französischen Stadt Léon und ist von dort aus auch losgelaufen, somit also seit 7 Wochen schon unterwegs. Seinen Job als Manager hat er gekündigt, zu oft wurde er laut eigenen Angaben hintergangen und benutzt. Nun will er erstmal zu sich selbst finden, die Alltagssorgen vergessen. Lustiger Geselle, der bei sich bietenden Gelegenheiten französische Sprichwörter und Witze für Sprachfremde erklärt.
Und auch eine große Hilfe wie sich herausstellt. Ich merke langsam, dass ich einfach nicht mehr kann: Meine Knie schmerzten so sehr, dass jeder Schritt zur Herausforderung wurde. Irgendwann musste ich einsehen, dass ich das heutige Tagesziel nicht erreichen kann, jedenfalls nicht zu Fuß. Ich entschied mich in Obanos (dem einzigen näher gelegenen, kommenden Örtchen mit Busanbindung) einen Arzt auszusuchen. Jedoch waren es bei Festlegung meiner Entscheidung noch gut 5 km bis zur Stadt, Bus- oder Taxireise ausgeschlossen.
Adrien nahm wie selbstverständlich meinen Rucksack ab und begleitete mich in Obanos zum Arzt.
Dort angekommen stehen wir alle vor einer Sprachbarriere: Klar habe ich im Spanischunterricht gelernt mir ein bocadillo zu bestellen oder die Problematik der "inmigrantes ilegales" zu analysieren, meine Schmerzen zu beschreiben geschweige denn den Anweisungen des Arztes zu folgen schien schwierig. Schließlich verstand ich Brocken wie "inflamación", deutsch Entzündung und begutachtete dabei meine Knie.
Ich wurde für erstmal 10 Tage (!!!) krankgeschrieben und begab mich in Richtung Taxi, mit dem ich nach Estella fuhr, wo ich abends den Rest der Gruppe wiedertreffen sollte.

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Als nächstes Etappenziel stand Zariquigui auf unserem Pilgerprogramm. Nach den Vortagen wollten wir unseren Füßen ein wenig "Entspannung" gönnen, indem wir "nur" 20 km pilgerten.
Nach einem stärkenden Frühstück machten wir uns auf den Weg. Diesmal allerdings nicht nur zu dritt: Wir lernten Marco, 28, Student aus Berlin kennen, der sich wie sich später zeigen sollte als treuer Wegbegleiter herausstellte.
Die Landschaft die mich in den letzten Tagen so fasziniert hatte zog heute jedoch farblos an mir vorbei. Viel mehr merkte ich meine Knie schmerzen und ich begann das erste Mal ernsthaft mein Vorhaben in Frage zu stellen. Hätte ich doch mal ein wenig trainiert oder zumindest den ein oder anderen Schokoriegel weggelassen. Und wozu hab ich eigentlich die ganzen Kosmetikprodukte dabei?-Ein Deo brauch ich hier sowieso nicht wirklich.
Während meine Gedanken so vor sich herplätscherten erreichten wir Pamplona, die erste größere Stadt auf unserem Pilgerweg! Sogar mit Touristeninformation und einigen Einkaufsmöglichkeiten! Schnell entschied ich mich ein wenig Geld in Wanderstöcke zu investieren, was ich auch bis jetzt nicht bereue.
Die weitere Reise gestaltete sich weitestgehend unspektakulär, wir waren alle froh als wir schweißgebadet schließlich unsere Herberge erreichten.
Später am Abend saßen wir gemütlich zusammen, als schließlich ein junger, athletischer, mit Zelt bepackter Franzose namens Adrien unseren Blick erhaschte. Marco grüßte ihn von Weitem, die beiden schienen sich wohl schon zu kennen. Aufgeweckt ging er in die Herberge um zu fragen, ob er sein Zelt auf einer nahe gelegenen Wiese aufstellen darf. "Interessant.", dachte ich. Jemand der wohl freiwillig auf die wohltuende Dusche und das weiche Bett verzichtet.

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Mit schmerzenden Füßen und schwerem Gepäck machten wir uns auf zu unserem nächsten Etappenziel: Zabaldica, ca. 32 km von Espinal, unserem Schlafort entfernt.
Früh morgens erwies sich der Weg als angenehm, je später es wurde desto mehr merkten wir jedoch die Sonneneinstrahlung auf uns, sodass mein Cappy das erste Mal zum Einsatz kam.
Während wir so unseren Weg bestritten begegneten uns einige interessante Menschen aus aller Welt und und es ergab sich die ein oder andere Konversation.
Es ist wirklich beeindrucken, was Beweggründe zum Laufen des Jakobwegs sein können. Während zwei Jungs aus dem Süden Deutschlands mal etwas "Sinnvolles" anstellen wollen und der Urlaub nach Malle oder der Städtetrip nach London einfach zu teuer geworden wäre, treffen wir auch Menschen, die den Weg zum wiederholten Mal laufen weil sie darin ihren Lebenssinn wiederfinden.
Ca. 7 km vor unserem geplanten Ziel fange ich an zu schwächeln. Meine Knie brennen, mein Rücken tut weh und die Blasen an meinen Füßen reiben bei jedem weiteren Schritt gegen meine noch so schlecht eingelaufenen Wanderschuhe.
Ich trenne mich von Joyce und Cedric, die sich mit schnellen Schritten in Richtung Herberge (diesmal einer Donativo aufmachen-> gratis Unterkunft, kleine Spende jedoch erwünscht) begeben. Schließlich neigt der Tag sich dem Ende und Unterkunftsplätze sich heißgegehrt.
Nach eine gefühlten Ewigkeit sehe ich auf einem Gipfel die Herberge, schaffe es jedoch nicht meine letzte Kraft zu bündeln um die letzten Meter auf mich zu nehmen. Ein älterer Dorfbewohner sieht mich, nimmt mir meinen in seinen Augen viel zu schweren Rucksack ab und begleitet mich die letzten Schritte bis zur Herberge.
Die Herberge lag idyllisch neben einer kleinen Kapelle, in welcher wir uns abends versammelten um mit den Schwestern zu beten und wegbegleitende Erfahrungen auszutauschen. Erst gestaltete sich die Kommunikation der vielen anderssprachigen Menschen schwierig, jedoch gelang dies mit der Zeit immer besser.
Am Abend zauberten freiwillige Helfer ein Abendessen, bevor wir uns völlig erschöpft zu Bett begaben.

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Nachdem wir nun doch mit 26h Stunden Verspätung am Bahnhof von Saint-Jean-Pied-de-Port ankamen machten wir uns direkt auf zum Pilgerbüro. Schnell ließen wir uns die nötigen Wegbeschreibungen geben und ergatterten einen Pilgerpass.
Um nicht ganz tatenlos zu bleiben entschieden wir uns noch für eine kurze Wanderetappe von 5.5 km nach Huntto, da der Tag sich auch schon dem Ende neigte.
Gemütlich ließen wir den Abend mit Weißbrot und Donuts ausklingen.

Am nächsten Tag schlichen wir uns leise und schnell um 6 Uhr aus den Betten, schließlich hatten wir großes vor: Unsere erste große Wanderung! Und zwar geplant nach Roncevalles, gut 20 km von unserem Schlafort entfernt.
Das Besondere an dieser Etappe ist, dass sie quer durch die Pyrenäen führt, somit als die Pfade ein einziges auf und ab sind und sich auf dem Weg keine weiteren Herbergen befinden.
Während Cedric (Joyces Bruder, der auch mitgekommen ist) die Berge und Täler mit einer Leichtigkeit zähmte hatte ich wirklich Mühe hinterherzukommen. Je weiter wir kamen, desto mehr schmerzten meine Füße, mein Rucksack wurde auch nicht leichter. Ich dachte an das ganze unnötige Gepäck, was ich doch lieber hätte zuhause lassen sollen.
Dennoch versuchte ich die unglaubliche Natur zu genießen: Der Weg führte über zahlreiche Wiesen, Felder, Wälder oft gefüllt mit Pferde-, Kuh- oder Schafherden.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir Roncevalles, ein wirklich schönes Örtchen indem uns die Eingangspforten eines Klosters empfangen.
Kurz gerastet und einen Stempel für den Pilgerpass abgeholt motivierten wir uns noch 7 km weiterzulaufen, um eine günstige Herberge in Espinal zu ergattern.
In der Unterkunft angekommen und geduscht schaute ich auf meine mit Blasen verzierten Füße. Außerdem tat mir alles weh, ich begann Muskelpartien zu spüren die ich sonst nur aus dem Biobuch kannte.

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Alle Wege führen nach Paris. -Und Unserer diesmal auch.
Nach einem turbulenten und nervenaufreibenden Hinflug sitzen wir nun erstmal in Paris. Hauptstadt statt Pilgerpfad.

Unser erste Flieger nach Birmingham hatte bereits 2 Stunden Verspätung, sodass wir den Anschlussflug nach Biarritz verpassten. Zu allem Übel war dann noch zunächst unser Gepäck verschollen, was eine Weiterreise nach Frankreich nicht möglich machte. Somit saßen wir in der englischen Provinz fest. 7 Stunden unterwegs gewesen und unserem Ziel doch weiter entfernt als zuvor.
Irgendwann tauchte unser Gepäck dann doch mit Macken und Dreck auf und die Fluggesellschaft sieht sich endlich bereit sich um einen Weiterflug zu kümmern. Mit weiterer Verspätung erreichten wir schließlich gegen späten Abend Paris, wo wir in einem Hotel unterkamen. Während ich langsam gereizt reagierte versucht sich Joyce über ihre Weisheit "wir kriegen 3 Flüge zum Preis von 2" zu erfreuen.
Wenigstens sind die Betten weich und das Essen gut, versuchte ich mich aufzumuntern. So eine Unterkunft werden wir auf dem Pilgerweg nicht mehr finden.

Gleich geht hoffentlich der Flug nach Biarritz, damit wir unseren Weg nun auch endlich antreten können.

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Frei nach dem Motto "Wir sind dann mal weg" (Hape Kerkeling) beschließen Joyce und ich voller Freude den Jakobsweg zu gehen. Eine Illusion die schon lange in meinem Kopf herumschwirrte, aber einfach aufgrund von Drängen des Alltags aus meinem Blickfeld verschwand.

Als schließlich letztes Jahr zwei gute Freundinnen beschlossen den Jakobsweg zu gehen geriet die Idee des Pilgerns wieder in den Fokus. Allerdings habe ich mich damals nicht getraut, die beiden zu begleiten, einfach aus dem Aspekt der Unsicherheit meiner eigenen Kräfte. Was spornt mich an jeden Tag aufzustehen um 20-30 km hinter mir zu lassen? Halte ich das überhaupt durch? -Mit einer besonderen sportlichen Begabung bin ich schließlich nicht gesegnet. Beide jedoch berichteten bei ihrer Rückkehr von grandiosen Erlebnissen und Erfahrungen, sodass die Motivation in mir schieg auch selbst bei Zeiten das Abenteuer zu wagen.

Joyce lernte ich bei meinem 6 monatigen Ghanaaufenthalt kennen. Wir wohnten zusammen, arbeiteten im selben Freiwilligenprojekt. Somit ließ es sich also kaum vermeiden Zeit miteinander zu verbringen und sich näher kennenzulernen. Schnell entdeckten wir gemeinsame Interessen und auch sie hegte den Plan irgendwann einmal zu pilgern. Aber wenn man schon mal eine Person gefunden hat, die ähnliche Träume hegt, kann aus einer fixen Idee und der Angabe "irgendwann mal" auch schon ganz bald ein konkreter Reisezeitraum werden. Also ist es morgen so weit: Wir werden in den Flieger nach Biarritz (Südfrankreich) steigen, um dann vom Startpunkt Saint-Jean-Pied-de-Port unsere Reise nach Santiago de Compostela aufnehmen (auch bekannt als camino francès, Distanz ca. 800 km).

Das Schöne an meiner Reisebegleitung ist, dass uns ein paar wesentliche Merkmale vereinen: Wir sind beide auf der Suche des Sinn des Lebens. Beide in der Hoffnung, Antworten auf in die Irre führende Fragen zu finden. Beide auf der Suche (das mag jetzt abstrakt klingen) von etwas Spirituellem. Beide auf der Suche nach uns selbst.

Statistisch gesehen sind 2016 gut 278000 Menschen den Jakobsweg gepilgert (man wird als Pilgerer gezählt sobald man die letzten 100 km zu Fuß marschiert ist), davon rund geschätzt die Hälfte der Menschen aus religiöser Motivation. Vielleicht werden wir Menschen aus aller Welt treffen, die unsere vielleicht so festgefahrenen Denkmuster lockern, zu neuen Gedanken anregen.

Fragen, Neugier und vielleicht auch Ängste des Kommenden schwirren gerade in meinen Kopf. Deshalb bin ich gespannt was so auf uns zukommen wird und nutze diese Plattform als Ort Interessierte an meiner Reise auf dem Jakobsweg teilhaben zu lassen.

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